Sonntag, 11. Januar 2026 GastroNews – Magazin für Profis
Management & Recht

Blick über den Tellerrand: Warum Auslandspraktika für Azubis ein Gewinn für jeden Betrieb sind

Fachkräftemangel, hohe Erwartungen der Generation Z und Konkurrenz um die besten Talente – viele Betriebe suchen nach Wegen, ihre Ausbildung attraktiver zu machen. Ein oft unterschätztes Instrument: Auslandspraktika für Azubis. Wer seine Nachwuchskräfte ein paar Wochen in die Welt schickt, bekommt motivierte, reifere und bestens vernetzte Mitarbeitende zurück.

1. Die Angst vor dem Loslassen

Stellen Sie sich vor, eine Ihrer angehenden Köchinnen oder ein Hotelkaufmann kommt auf Sie zu und sagt: „Ich möchte für vier Wochen ins Ausland – lernen, wie man in Frankreich Patisserie macht oder wie Hotels in Spanien Gäste betreuen.“ Für viele Betriebe klingt das erst einmal nach Risiko: Fehlt uns der Azubi dann nicht im Alltag? Kommt er vielleicht gar nicht wieder?

Diese Sorge ist verständlich – aber selten berechtigt. Die heutige Generation von Auszubildenden sucht Erlebnisse, Entwicklung, Flexibilität. Wer diese Wünsche unterstützt, punktet im Wettbewerb um Nachwuchs. Und tatsächlich zeigen laut der IHK Koblenz zahlreiche Erfahrungsberichte: Betriebe, die Mobilität ermöglichen, werden als modern, offen und attraktiv wahrgenommen.

Oder wie es ein Ausbildungsverantwortlicher aus dem Programm „AusbildungWeltweit“ treffend formuliert: „Der Mehrwert ist riesig. Die Azubis kommen nicht nur fachlich versierter zurück, sondern vor allem menschlich gereift. Das kommt unserem Betriebsklima direkt zugute.“

Kurz gesagt: Wer loslässt, gewinnt.

2. Der Mehrwert: Was der Betrieb davon hat

Im Tagesgeschäft bleibt oft wenig Raum für echte Weiterentwicklung. Genau hier setzen Auslandspraktika an – und bringen handfeste Vorteile.

Beginnen wir mit den Soft Skills: Azubis, die mehrere Wochen im Ausland arbeiten, lernen zwangsläufig, selbstständig Probleme zu lösen. Sie schlagen sich durch neue Abläufe, ungewohnte Teams und fremde Sprachen. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Reife, die im Betrieb sofort spürbar wird. Viele Ausbilder berichten, dass Rückkehrer verantwortungsvoller, strukturierter und souveräner auftreten.

Fachlich liegen die Chancen ebenfalls auf der Hand. Ein Auszubildender in der Küche kann etwa in Frankreich Einblicke in klassische Patisserie-Techniken gewinnen, während eine Hotelfach-Auszubildende in Irland erlebt, wie dort Customer Service gedacht wird. Auch internationale Servicestandards – ob in den USA oder Skandinavien – bringen neue Impulse für den eigenen Betrieb.

Gerade Hotels mit internationalem Gästekreis profitieren außerdem von verbesserten Sprachkenntnissen. Englisch, Spanisch oder Französisch lernt man in der Praxis deutlich schneller als im Klassenraum.

Und: Wer seinem Nachwuchs solche Erfahrungen ermöglicht, bindet ihn nachhaltig. Dankbarkeit und Loyalität steigen. Eine Azubi, die mit Unterstützung ihres Betriebs nach Kansas City ging, bringt es so auf den Punkt: „Das mein Betrieb mir das ermöglicht hat, war der entscheidende Grund, dort zu bleiben.“

3. Die Programme: Erasmus+ und AusbildungWeltweit

Zwei Förderprogramme machen internationale Erfahrungen für Auszubildende besonders leicht zugänglich.

Erasmus+: die europäische Option

Für alle, die innerhalb Europas bleiben möchten, ist Erasmus+ der Goldstandard. Das Programm deckt Aufenthalte in EU-Ländern sowie in Staaten wie Norwegen oder Island ab und bietet enorme finanzielle Unterstützung. Zwischen 2021 und 2027 stehen insgesamt 28,4 Milliarden Euro bereit – es gibt also reichlich Fördermittel.

Die Aufenthaltsdauer reicht von zehn Tagen bis zu einem Jahr; in der Praxis bewähren sich drei bis vier Wochen. Genau diese Länge empfehlen viele Berufsschulen und Kammern wie die Nationale Agentur beim BIBB.

Typisches Beispiel: Für vier Wochen in Spanien gibt es laut NA beim BIBB rund 2.157 Euro Fördermittel – Flug, Unterkunft und ein Großteil der Lebenshaltungskosten sind damit abgedeckt.

AusbildungWeltweit: für die große Weltkarte

Wer über Europa hinaus möchte – Asien, Nordamerika, Ozeanien – findet im BMBF-Programm AusbildungWeltweit die passende Unterstützung. Es fördert sowohl Azubis als auch Ausbilder und ist perfekt, wenn jemand sehr spezifische Interessen verfolgt. Etwa, um in Japan die Kunst der feinen Messerführung zu erlernen oder in Kanada zu erfahren, wie große Resort-Hotels hinter den Kulissen funktionieren.

DACH-Blick

Auch Leserinnen und Leser aus Österreich und der Schweiz können aufatmen: Über die österreichische Lehrlingsmobilität (Infos beim BMWET) oder Programme wie Movetia in der Schweiz bestehen ebenfalls vielfältige Möglichkeiten – die Details unterscheiden sich, aber das Prinzip ist das gleiche.

4. Rechtliches & Finanzielles: Einfacher als gedacht

Viele Betriebe scheuen den bürokratischen Aufwand – dabei ist er deutlich geringer, als oft angenommen.

Laut Berufsbildungsgesetz dürfen bis zu 25 Prozent der gesamten Ausbildungszeit im Ausland stattfinden. Genau das bestätigt die IHK Koblenz. Für eine dreijährige Ausbildung bedeutet das bis zu neun Monate. Praktisch umgesetzt werden meist vier Wochen – lang genug für echte Lernerfolge, kurz genug, um im Betrieb gut aufzufangen zu sein.

Die Ausbildungsvergütung muss während des Auslandsaufenthalts weitergezahlt werden. Der Großteil der übrigen Kosten – Flug, Unterkunft, zum Teil Versicherungen – wird durch die Förderprogramme übernommen. Viele Azubis erhalten Pauschalen, die sämtliche Reisekosten abdecken.

Wichtig sind zwei Punkte:

Nicht vergessen werden sollte das Berichtsheft: Es muss auch im Ausland geführt werden. Die meisten Programme stellen dafür Vorlagen und digitale Tools zur Verfügung.

5. Praxis-Beispiele: Von Neuseeland bis Basel

Viele Erfahrungsberichte zeigen, wie vielfältig Auslandsaufenthalte verlaufen können – und wie viel sie bewirken.

Ein Beispiel aus Übersee: Ein junger Teilnehmer des Programms AusbildungWeltweit verbrachte mehrere Wochen in Neuseeland. Die dortige „Kiwi-Mentalität“, geprägt von Gelassenheit und Teamgeist, beeindruckte ihn nachhaltig. Zurück im Betrieb konnte er Aufgaben offener anpacken und brachte frische Ideen für Event- und Technikprozesse mit – ein Gewinn, der sich problemlos auf gastronomische Arbeitsumfelder übertragen lässt.

Ein anderes Beispiel kommt aus der Grenzregion: Ein Azubi arbeitete einige Zeit in einem Betrieb in Basel und bekam Einblicke in die präzise, strukturierte Arbeitsweise der Schweizer Kolleginnen und Kollegen. Trotz Pandemie-Hürden lernte er neue Abläufe kennen, die er anschließend in seinem Heimatbetrieb erfolgreich weiterentwickelte.

Ein besonders anschaulicher Fall stammt aus den USA: Eine junge Auszubildende verbrachte ihr Praktikum in Kansas City. Dort erlebte sie hautnah die berühmte amerikanische Servicekultur – stets freundlich, immer lösungsorientiert. „Service with a smile“ wurde für sie vom Slogan zur Selbstverständlichkeit.

Auch in Österreich hat die internationale Berufsbildung Tradition: Wettbewerbe wie die EuroSkills zeigen eindrucksvoll, wie Mobilität die Qualität der Ausbildung steigert. Viele österreichische Lehrlinge sammeln bereits im Rahmen nationaler Programme Auslandserfahrung – ein Modell, das auch im DACH-Raum Anerkennung findet.

Diese Beispiele zeigen: Egal ob großes oder kleines Haus, Küche oder Rezeption – internationaler Austausch zahlt sich aus.

Fazit / Ausblick

Auslandspraktika sind eine der wirksamsten Maßnahmen, um junge Menschen zu fördern und gleichzeitig dem Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen. Die finanziellen Risiken sind überschaubar, die Chancen groß: reifere Azubis, motiviertere Teams, frische Ideen, verbesserte Sprachkenntnisse und eine starke Positionierung als attraktiver Ausbildungsbetrieb.

Die Nachfrage nach internationalen Erfahrungen wird in den kommenden Jahren weiter steigen – getrieben von der Generation Z und immer internationaleren Gästegruppen. Wer jetzt Strukturen schafft, profitiert langfristig.

Wenn Sie Ihren Nachwuchs neugierig machen, Fördermöglichkeiten prüfen und frühzeitig planen, sind Sie Ihrer Konkurrenz einen entscheidenden Schritt voraus.

Kurz-Check für Ihren Betrieb

(Ende)

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