Sonntag, 11. Januar 2026 GastroNews – Magazin für Profis
Küche & Trends

Feuer & Fine Dining: Wie BBQ-Techniken die Sterneküche erobern

Feuer, Glut und Rauch – was lange nach Bierbank und Grillparty roch, hält Einzug in die gehobene Gastronomie. Spitzenköche entdecken das Archaische neu und kombinieren traditionelle BBQ-Methoden mit filigranen Techniken. Für Restaurants und Hotels eröffnet sich damit ein Repertoire an Aromen, das weit über Sous-Vide und Konvektomat hinausgeht.

1. Die Rückkehr des Feuers

Stellen Sie sich eine moderne Profiküche vor: Edelstahl, Punktlicht, leise surrende Geräte. Und mittendrin ein glühender Grill, aus dem ein feiner Rauchfaden aufsteigt. Lange galt offenes Feuer in der Sternegastronomie als zu unkontrolliert, zu unpräzise. Sous-Vide, Molekularküche und Induktion standen für Perfektion – aber eben auch für Sterilität.

Genau hier setzt der aktuelle Trend an. Köche suchen wieder das „Echte“, das „Urinstinktliche“. Das Buch Fine Dining Grill & BBQ von Heiko Antoniewicz und Ludwig Maurer (siehe Link auf wog.ch) zeigt diesen Paradigmenwechsel eindrucksvoll: avantgardistische Küche trifft auf archaische Techniken. Oder wie Maurer sinngemäß formuliert: „Archaisches Garen mit Feuer, Glut und Asche weckt Urinstinkte. Die Kunst liegt darin, diese Wucht mit der Eleganz der Sterneküche zu verbinden.“

Für Gastronomen bedeutet das: Rauch, Glut und Hitze sind wieder gefragt – allerdings kontrolliert, präzise und geschmacklich hochdifferenziert. Genau darin liegt die Chance für Betriebe, die sich vom Wettbewerb abheben wollen.

2. Rauch als feines Gewürz

Wer bei Rauch nur an deftige Rippchen denkt, verpasst die Feinheiten, die heute in Topküchen entstehen. Rauch ist längst ein Gewürz – kein dominanter Störenfried, sondern ein subtiler Aromaträger. Die Devise lautet: Dosierung statt Dramaturgie.

Kalträuchern als Gamechanger

Kalträuchern ermöglicht es, empfindliche Produkte zu aromatisieren, ohne sie zu garen. Viele Küchen nutzen die Technik inzwischen für:

Ein Beispiel aus Antoniewicz/Maurer: „Ahorneis mit schwarzen und geräucherten Walnüssen“. Rauch als süßes Aroma – filigran, fast poetisch.

Holz wird zur Pairing-Komponente

Statt standardmäßig Buche oder Eiche zu verwenden, greifen Fine-Dining-Küchen auf Fruchthölzer oder Weinreben zurück. Das eröffnet die Möglichkeit, Holz und Wein-Pairing aufeinander abzustimmen. Ein Sommelier bringt es sinngemäß auf den Punkt: „Rauchige Noten im Essen verlangen nach Weinen mit Rückgrat – oder überraschenden Pairings wie gereiftem Champagner.“

Was heißt das für Ihren Betrieb?

3. Hitze-Schock & Asche: Wenn 800 Grad zum Werkzeug werden

Kaum etwas hat die Branche so elektrisiert wie Oberhitzegrills mit 800 Grad Celsius. Die Beefer-Bibel (Link via wog.ch) ist mittlerweile Standardlektüre. Warum? Weil diese Geräte die Maillard-Reaktion in Sekunden erzeugen – ohne dass der Kern durchgart. Perfekt also für dünne Cuts, Fisch oder als Finish für Sous-Vide.

Der 800-Grad-Zauber

Die Kruste entsteht binnen Sekunden. Die Kerntemperatur bleibt – im Fine Dining häufig bei 52–54°C – exakt unter Kontrolle. Wer schon einmal ein Sous-Vide-gegartes Stück Fleisch gesehen hat, weiß: Es kommt eher grau aus dem Beutel. Unter Oberhitze entsteht daraus ein aromatisches Kunstwerk.

Garen in der Glut: Caveman Style

Beim Caveman Style wird Gemüse direkt in der Glut gegart. Zwiebeln, Lauch oder Sellerie bekommen außen eine verbrannte Schicht, deren Bitterstoffe später entfernt werden. Das Innere aber? Dampfgegart, süß, leicht rauchig. Ein Restaurant in einer Großstadt nutzt die Technik für Lauch, der anschließend mit fermentierten Komponenten serviert wird – ein Beispiel für die Verbindung von Naturgewalt und Präzision.

Asche als Zutat

Asche ist nicht nur Restprodukt, sondern Textur und Würzmittel. Küchen verwenden saubere Pflanzenasche, etwa Lauch-Asche, um:

Das Ergebnis ist oft überraschend elegant.

4. Equipment: Was die Profi-Küche braucht

Damit das alles funktioniert, braucht es nicht unbedingt ein Lagerfeuer in der Küche. Entscheidend sind die richtigen Geräte – und die passende Infrastruktur.

Josper & Co: Der Klassiker für Indoor

Josper-Öfen kombinieren Grill und Ofen. In vielen Restaurants sind sie mittlerweile gesetzt. Sie liefern konstante Hitze und ein feines Raucharoma. Aber: Die Abluft muss stimmen. Die Berufsgenossenschaft weist regelmäßig darauf hin, dass Holzkohle-Indoor-Lösungen nur mit entsprechender Lüftungstechnik betrieben werden dürfen (siehe Suchhinweis zu BGN Lüftungstechnik).

Oder kurz: Sprechen Sie vorher mit Ihrem Küchenbauer.

Konro-Grills & Binchotan-Kohle

Konro-Grills aus Japan sind kompakt und präzise. Die verwendete Binchotan-Kohle ist ein Sonderfall: extrem heiß, bis zu 1000°C, raucharm und sehr langanhaltend. Optimal für filigrane Spieße oder kleine Protein- und Gemüseportionen. Der Grill Codex von Ludwig Maurer (Link via buecher.de) liefert dazu viel Hintergrundwissen.

Kamado: Die Keramik-Allzweckwaffe

Kamado-Grills – oft bekannt unter Marken wie Green Egg – eignen sich für Low & Slow sowie für präzise Temperatursteuerung. Einige Fine-Dining-Küchen nutzen sie für „Long Jobs“ über Nacht. Ein Beispiel: Pulled Beef, das am nächsten Tag zu einer Praline verarbeitet wird. Aromatisch intensiv, aber optisch elegant.

5. Anrichten: Rustikal trifft Filigran

Der größte Knackpunkt bei BBQ in der Sterneküche: Gegrilltes sieht oft braun aus. Und Braun ist selten sexy auf dem Teller. Entscheidend ist also das Anrichten.

Dekonstruktion schafft Eleganz

Ein klassisches Beispiel: Beef Brisket. Statt eines wuchtigen Stücks landet es als kleiner Würfel auf dem Teller, flankiert von Texturen aus Mais – Püree, Popcorn, gegrillter Babymais. Das Gericht wird dadurch leicht, grafisch, modern.

Farb- und Texturkontraste

Geschirr aus dunkler Keramik oder Steingut hebt Rauch- und Feueraromen optisch hervor. Weißes Porzellan wirkt hier oft zu klinisch.

Fazit & Ausblick

BBQ-Techniken sind mehr als ein Trend – sie sind ein Werkzeugkasten, der die Sterneküche um neue Dimensionen erweitert. Rauch wird zum Gewürz, Hitze zum Präzisionsinstrument, Asche zur Textur. Und vor allem: Feuer bringt Emotionen auf den Teller, die Gäste zunehmend suchen.

Wer klein anfangen möchte, startet mit Kalträuchern oder einem Konro-Grill. Andere investieren direkt in Oberhitzegrills oder Kamados. Sicher ist: Die Verbindung von Feuer und Fine Dining bleibt. Und wer sich jetzt mit Technologien, Aromen und Präsentationen vertraut macht, setzt ein kulinarisches Statement, das sich klar vom Wettbewerb abhebt.

Kurz-Check für Ihren Betrieb

Wenn Sie diese Punkte angehen, sind Sie beim Thema „Feuer im Fine Dining“ schon einen Schritt voraus.

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