1. Mehr als nur Bequemlichkeit
Stellen Sie sich vor, es ist Samstagabend, volles Haus, der Pass läuft heiß – und Ihr Team arbeitet wie ein Schweizer Uhrwerk. Niemand kämpft mit zu niedrigen Tischen, engen Gängen oder schweren Töpfen, die irgendwo von oben geangelt werden müssen. Klingt nach Luxus? In Wahrheit ist es schlicht Ergonomie.
Professionelle Küchen sind physisch anspruchsvolle Arbeitsplätze: Hitze, hohes Tempo, langes Stehen, schweres Heben. Rückenschmerzen gehören laut Berufsgenossenschaften zu den häufigsten Gründen für Krankheitsausfälle im Gastgewerbe. Dabei gilt: Ergonomie bedeutet nicht Bequemlichkeit, sondern die Anpassung des Arbeitsumfelds an den Menschen – und nicht andersherum.
Ein Küchenplaner formuliert es so: „Eine Küche muss passen wie ein Maßanzug. Wenn der Koch sich zum Topf bücken muss, verliert er Energie, die ihm im Abendservice fehlt.“ Und ein Küchenchef bringt es pragmatisch auf den Punkt: „Früher war es normal, dass man abends Rückenschmerzen hatte. Heute wissen wir: Ein ergonomischer Arbeitsplatz hält das Team gesund und schnell.“
Für Gastronomen ist das ein klarer Business Case: Weniger Ausfälle, schnellere Abläufe und ein Plus für das Employer Branding. Denn gut geplante Küchen sind ein Argument im Wettbewerb um Fachkräfte.
2. Das Prinzip der kurzen Wege
Schauen wir in die Praxis: Eine Küche, die ständig im Kreis läuft – Mitarbeiter kreuzen sich, der Service steht im Weg, jemand schleppt einen GN-Behälter quer durch die Linie – kostet Zeit und Nerven. Der Schlüssel liegt in einer intelligenten Zonenplanung.
Das „Küchendreieck“ im Profikontext
Der Gedanke stammt aus dem Haushaltsbereich, wird aber sinnvoll für Gastronomien adaptiert: zentrale Funktionsbereiche werden so angeordnet, dass Wege möglichst kurz bleiben. Zwischen den Zonen sollten idealerweise 1,20 bis 2,70 Meter liegen. Ist der Abstand kleiner, behindert man sich gegenseitig; ist er größer, verliert das Team wertvolle Sekunden – und die summieren sich über einen Abend schnell.
Ein hilfreicher Orientierungsrahmen ist das 5‑Zonen‑Modell, das unter anderem auf Basis von Quellen wie dem OBI‑Magazin oder dem AD‑Magazin beschrieben wird, allerdings stets mit dem Hinweis, dass eine Profiküche viel belastbarer sein muss:
- Bevorraten (Kühlhaus, Trockenlager)
- Aufbewahren (Geschirr, Tools, GN-Behälter)
- Spülen
- Vorbereiten (Mise en Place)
- Kochen/Backen und Pass
In vielen Betrieben lohnt es sich, den Rücklauf („schmutzig“) räumlich und logistisch klar vom Pass („sauber“) zu trennen, um Kreuzungswege zu vermeiden. Die Arbeitsstättenverordnung schreibt ohnehin klare Bewegungsflächen vor.
Laufwege und Breiten
Laufwege sollten mindestens 90 Zentimeter breit sein – besser 1,20 Meter –, damit man auch bei geöffneten Türen und Auszügen aneinander vorbeikommt. Besonders unter hoher Taktung, etwa beim Bankett oder im à‑la‑carte‑Hochbetrieb, macht dieser vermeintliche Luxus einen echten Unterschied.
Moderne Küchenplanung sieht daher nicht nur einzelne Posten, sondern Abläufe: Wo kommt der frische Fisch rein? Wo wird er vorbereitet? Wie gelangt er in die Pfanne – und wie zurück zum Pass? Eine durchdachte Linie spart Ihrem Team täglich hunderte unnötige Schritte.
Weitere Hintergründe zum Küchendreieck finden Sie in einem Leitfaden des AD Magazins (siehe „Das Küchendreieck planen“ auf ad-magazin.de).
3. Die richtige Höhe entscheidet
Einer der größten Ergonomie-Booster ist erstaunlich simpel: die passende Arbeitshöhe. Hier lohnt ein Blick in die technische Literatur – etwa in die Ausführungen auf sanier.de zur perfekten Arbeitshöhe. Doch in der Profiküche gelten einige Besonderheiten.
Die Ellenbogenformel
Als Grundregel gilt: Für Schneidearbeiten liegt die optimale Höhe rund 15 Zentimeter unter der eigenen Ellenbogenhöhe. In der Praxis bedeutet das: Ein großer Koch braucht eine andere Höhe als eine kleinere Kollegin. Dazu kommt, dass in Berufsküchen oft Sicherheitsschuhe getragen werden, die wenige Zentimeter Körperhöhe „dazugeben“.
Unterschiedliche Tätigkeiten – unterschiedliche Höhen
Weil in Küchen nicht jede Tätigkeit dieselbe Haltung erfordert, gelten differenzierte Werte:
- Vorbereitung/Schneiden: vergleichsweise hoch, ca. 90–95 cm oder höher, je nach Teamgröße. Ziel: gerader Rücken, kein Vorbeugen.
- Kochen: tiefer als die Arbeitsplatte, etwa 15–20 cm niedriger. So lässt sich in hohe Töpfe blicken, ohne die Schultern hochzuziehen.
- Spülen: Das Becken liegt tief, deshalb sollte der Rand höher gesetzt werden – etwa 10 cm über normaler Arbeitshöhe –, um ständiges Bücken zu vermeiden.
Aus dem Haushaltsbereich mag man diese Unterscheidung kennen, aber in der Profiküche wächst die Bedeutung durch schwerere Töpfe, größere Schneideflächen und intensivere Nutzung.
Lösungen für gemischte Teams
Teams sind selten gleich groß, entsprechend schwierig ist es, eine fix montierte Küche „für alle“ zu planen. Bewährt haben sich daher:
- höhenverstellbare Sockel
- unterschiedliche Arbeitshöhen an verschiedenen Posten
- mobile Arbeitsflächen für Mise en Place
Ein allgemeiner Hinweis: Was gut aussieht, ist nicht automatisch ergonomisch. Bei langen Schichten machen wenige Zentimeter sehr viel aus.
4. Technik, die den Rücken schützt
Ergonomie endet nicht bei Arbeitsplatten. Moderne Küchentechnik bietet zahlreiche Möglichkeiten, körperliche Belastung zu reduzieren – gerade bei schweren oder heißen Lasten. Das „Handbuch Küche und Technik (Teil IV)“ des Fachausschusses Haushaltstechnik beschreibt viele dieser Entwicklungen.
Smarte Geräte – große Wirkung
- Kippbratpfannen und Kessel: Elektrische Kippvorrichtungen ersetzen gefährliches Heben. Integrierte Abläufe verhindern das Umfüllen heißer Flüssigkeiten und damit einen der größten Unfallfaktoren.
- Kombidämpfer: Entscheidend ist hier die Einschubhöhe. Schwere Bleche sollten niemals über Schulterhöhe eingeschoben werden. Viele Geräte besitzen heute automatische Reinigungsprogramme – auch das spart kraftzehrendes Schrubben.
- Nudelkocher und Fritteusen mit Hebesystemen: Automatische Körbe verhindern das manuelle Heben heißer, schwerer Körbe.
Intelligente Lagerung
Greifräume sind ein zentrales Ergonomiethema: Schwere Lasten gehören zwischen 80 und 110 Zentimeter Höhe – weder ganz nach unten noch weit nach oben. Unterschränke mit Vollauszug statt Fachboden sparen das Bücken und sind bei hoher Frequenz deutlich effizienter.
5. Licht, Luft und Lärm
Viele denken beim Thema Ergonomie zuerst an Tische und Geräte – doch auch das Umfeld trägt maßgeblich zur Entlastung bei.
Licht
Gutes Licht bedeutet Sicherheit. Blendfreie LED-Beleuchtung, idealerweise mit einstellbarer Lichtfarbe, verhindert Ermüdung und reduziert das Risiko von Schnittverletzungen. In dunklen Ecken passieren die meisten Fehler.
Klima
Leistungsfähige Lüftung verhindert Hitzestau und sorgt für frische Luft. Das ist nicht nur angenehm, sondern entspricht auch den Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung. Bei hohen Temperaturen steigt die Fehlerquote – und die Belastung für den Kreislauf.
Akustik
Küchen sind laut. Doch Dauerlärm erzeugt Stress. Wenn möglich, sollten technische Aggregate – etwa Kältemaschinen – in externe Räume ausgelagert werden. Schon kleine Maßnahmen verbessern die Konzentration spürbar.
Ein oft unterschätzter Faktor sind auch die Böden: Rutschfestigkeit ist Pflicht, aber leichte Dämpfung macht lange Stehphasen deutlich erträglicher.
Fazit / Ausblick
Ergonomische Küchenplanung ist weit mehr als ein „Nice-to-have“. Sie beschleunigt Abläufe, verhindert körperliche Überlastung und macht Ihren Betrieb als Arbeitgeber attraktiver. Wer heute investiert, spart morgen: weniger Ausfälle, weniger Stress, mehr Präzision.
Die Branche entwickelt sich weiter – Geräte werden smarter, Arbeitsplätze flexibler. In den kommenden Jahren dürften höhenverstellbare Posten, automatische Hebesysteme und leistungsfähigere Klima- und Lichtlösungen noch stärker zur Standardausstattung gehören.
Wenn Sie jetzt damit beginnen, Ihren Küchenbereich ergonomisch zu optimieren, sind Sie Ihrer Konkurrenz einen Schritt voraus – und Ihr Team wird es Ihnen danken.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Sind die wichtigsten Wege zwischen Vorbereitung, Kochen und Pass kurz und kreuzungsfrei?
- Stimmen Arbeitshöhen und Einschubhöhen der Geräte für Ihr Team?
- Sind Licht, Lüftung und Lärmquellen so gestaltet, dass sie die Konzentration fördern statt belasten?