1. Der blinde Fleck der Gastro
Stellen Sie sich vor, Sie betreten ein neues, hip durchdesigntes Lokal: Neon-Schriftzug, Beton, viel Hall – und eine Speisekarte, die man nur mit Smartphone-Taschenlampe lesen kann. Für viele ältere Gäste ist das Alltag. Viele Betriebe schielen bei der Gestaltung vor allem auf Millennials und Gen Z, denn die sorgen für Social-Media-Reichweite und setzen Trends.
Doch die Realität sieht anders aus: Die kaufkräftigste und am stärksten wachsende Gästegruppe sind längst die über 55-Jährigen. Laut einer Analyse von HotellerieSuisse wächst keine Bevölkerungsgruppe im DACH-Raum so schnell wie die sogenannten Best Ager. Gleichzeitig sind gerade jüngere Zielgruppen deutlich preissensibler – und tummeln sich eher zu Peak-Zeiten im Lokal.
Die Folge: Viele Betriebe lassen bares Geld auf der Straße liegen. Denn Best Ager füllen nicht nur die Nachmittage oder den frühen Abend, sie bringen zudem eine entscheidende Komponente mit – verlässliche Zahlungsbereitschaft für Qualität, Komfort und guten Service.
2. Der „Best Ager“ als Premium-Gast
Wer sind diese Gäste? Unter dem Begriff „Best Ager“ oder „Silver Ager“ versteht man in der Regel Menschen ab etwa 55 oder 60 Jahren. Aber Vorsicht: Das sagt nichts über deren Lebensgefühl aus. Trendexperte Pierre Nierhaus bringt es im Interview im Magazin Nomyblog auf den Punkt: „70 ist das neue 50. […] Die Babyboomer sind Lifestyle gewohnt und wollen genauso am Leben teilnehmen wie die Jüngeren.“
Diese Generation ist reiseerfahren, gastronomisch neugierig und bereit, für Qualität zu bezahlen. Gleichzeitig möchten sie nicht als „Senioren“ behandelt werden. Ein klassischer „Seniorenteller“? Für Nierhaus ein absolutes No-Go: „Wenn der 62-Jährige, der gerade pensioniert worden ist und sich erstmal eine Harley gekauft hat, einen Seniorenteller angeboten bekommt – das wäre furchtbar.“
Statt stigmatisierender Angebote wünschen sich Best Ager:
- hochwertige, frische Küche – gern regional oder nachhaltig
- verständliche Portionen, die nicht automatisch „XXL“ bedeuten
- und wenn es kleinere Portionen gibt, dann als Option ohne Alterslabel
Das Entscheidende: Best Ager haben Zeit. Sie gehen gerne früh essen, sie reisen viel, sie sind werktags unterwegs – ein riesiges Potenzial für alle, die mehr Umsatz außerhalb der klassischen Stoßzeiten generieren wollen.
3. Komfort ist der neue Luxus
Man muss keinen Generationentreff eröffnen, um Best Ager erfolgreich anzusprechen. Oft sind es die kleinen, subtilen Anpassungen, die darüber entscheiden, ob Gäste wiederkommen. HotellerieSuisse beschreibt das treffend: „Aktive und gesunde Best Ager brauchen […] keine ‚Alterspackages‘, sondern lediglich subtile Anpassungen bei bestehenden Angeboten.“
Was heißt das konkret?
Die Speisekarte: Lesbarkeit statt Designpreis
Viele Gäste greifen heute zur Handy-Lampe, weil die Schrift zu klein oder der Kontrast zu gering ist. Dabei wäre es leicht: etwas größere Typografie, dunkler Text auf hellem Hintergrund und ein klarer Satzspiegel. Das wirkt nicht altmodisch – sondern professionell.
Licht & Akustik: Stimmung ja, Anstrengung nein
Dimmbares Licht schafft Atmosphäre, aber man sollte trotzdem lesen können. Akustik ist für Best Ager und Familien gleichermaßen entscheidend. Hallende Räume, dröhnende Bässe und ständiger Lärmpegel können aus einem Restaurantbesuch Stress machen. Schon wenige schallschluckende Elemente können den Unterschied ausmachen.
Sitzmöbel: Komfortvoll und unauffällig
Stühle mit leichter Polsterung oder optionalen Armlehnen erleichtern das Aufstehen und Sitzen – ohne dass es nach Pflegeheim aussieht. Gerade Gäste, die länger verweilen, honorieren das mit Wiederbesuchen.
Kurz: Niemand möchte als „alt“ angesprochen werden. Aber jeder freut sich über guten Service und durchdachtes Design. Komfort ist kein kosmetisches Detail – er ist ein Umsatzfaktor.
4. Best Practice: Das Modell „Vollpension“
Wie weit man mit einem generationenübergreifenden Konzept kommen kann, zeigt die „Vollpension“ aus Wien. Das Generationencafé setzt auf ein einfaches, charmantes Prinzip: Seniorinnen und Senioren – liebevoll „Omas & Opas“ genannt – backen Kuchen, servieren und sorgen für Wohnzimmeratmosphäre. Das Ergebnis: ein voller Erfolg.
Laut einem Bericht auf Tourismut.com zählt die Vollpension inzwischen zu den besten 10 Prozent aller Restaurants weltweit auf TripAdvisor. Das Konzept expandierte zudem in Form von Pop-ups nach Salzburg, Graz und Judenburg. Gründer Moriz Piffl-Percevic beschreibt die Idee so: „Die Vollpension sieht sich als öffentliches Wohnzimmer und als Ort des Generationenmiteinanders. Denn beim Essen kommen die Leut 'zam'.“
Der Charme ist unbestreitbar – aber auch der wirtschaftliche Gedanke dahinter ist spannend. In Österreich waren 2023 rund 288.000 Menschen über 65 von Armut betroffen. Für viele bietet das Konzept der Vollpension daher nicht nur soziale Teilhabe, sondern auch eine Möglichkeit zum Zuverdienst.
Was können Gastronominnen und Gastronomen daraus lernen?
- Ältere Menschen sind nicht nur wichtige Gäste, sondern können auch wertvolle Mitarbeiter sein.
- Sie bringen Ruhe, Erfahrung und Herzlichkeit in den Betrieb.
- Gerade als Hosts oder in der Backstube können sie das Personal entlasten und zur Lösung des Fachkräftemangels beitragen.
Natürlich ist nicht jeder Betrieb für ein Vollpension-Konzept geeignet. Aber das Grundprinzip – Generationen zusammenzubringen – lässt sich auch in klassischeren Formaten umsetzen.
5. Familien 2.0: Mehr als Pommes & Malbuch
Neben den Best Agern lohnt ein Blick auf eine weitere Zielgruppe, die viel Potenzial bietet: Familien. Sie werden oft vernachlässigt, dabei kommen sie selten allein – und bringen regelmäßig mehrere zahlende Gäste gleichzeitig.
Ein wichtiger Aspekt: Viele Best Ager gehen mit ihren Enkeln essen. Der Multi-Generationen-Tisch ist heute eher die Regel als die Ausnahme. Damit wird Familienfreundlichkeit automatisch zu einem Argument für ältere Gäste.
Eltern achten heute verstärkt auf frische, ausgewogene Ernährung. Die Zeiten, in denen Pommes, Würstel und ein Malbuch gereicht haben, sind vorbei. Kindergerichte sollten dieselbe Qualität haben wie die der Erwachsenen – nur weniger gewürzt und in passender Größe. Dazu zählt auch ein Service, der versteht: Wenn Kinder hungrig sind, muss es schnell gehen.
Bieten Sie echten Mehrwert für Familien, gewinnt Ihr Betrieb gleich doppelt – bei den Eltern und bei den Großeltern.
Fazit & Ausblick
Best Ager und Familien sind keine Nischenzielgruppen, sondern entscheidende Umsatztreiber für die kommenden Jahre. Sie wachsen zahlenmäßig, sie sind treu, sie sind zahlungsbereit – und sie erwarten vor allem eines: Wertschätzung und Komfort, ohne Klischees. Die gute Nachricht: Schon kleine Anpassungen wie bessere Akustik, leicht lesbare Speisekarten oder familienfreundliche Abläufe wirken sofort.
In Zukunft wird sich die Silver Society weiter ausdifferenzieren. Gleichzeitig steigt der Wunsch nach Angeboten, die Generationen verbinden und persönliche Atmosphäre schaffen. Wer jetzt investiert, schafft sich einen Vorsprung – und bindet Gäste, die zuverlässig und regelmäßig kommen.
Wenn Sie die Bedürfnisse beider Gruppen ernst nehmen und gezielt ansprechen, sind Sie Ihrer Konkurrenz bereits einen Schritt voraus.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Ist die Speisekarte gut lesbar – auch ohne Handy-Lampe?
- Sind Licht und Akustik angenehm für ältere Gäste und Familien?
- Gibt es hochwertige Kindergerichte und flexible Portionsgrößen?
- Könnten erfahrene „Silver Worker“ Ihr Team entlasten?
- Ist Ihr Betrieb ein Ort, an dem sich mehrere Generationen gleichzeitig wohlfühlen?