1. Barrierefreiheit als Qualitätsmerkmal
Stellen Sie sich vor, eine Familie mit Kinderwagen, ein älterer Stammgast mit Rollator und ein Tourist mit schwerem Gepäck stehen gleichzeitig vor Ihrem Eingang. Für alle drei entscheidet sich binnen Sekunden, ob ein Besuch bequem möglich ist – oder ob sie lieber weiterziehen. Genau darum geht es beim Gedanken „Komfort für alle“.
Barrierefreiheit betrifft weit mehr als Menschen im Rollstuhl. Rund zehn Prozent der Bevölkerung leben mit einer Behinderung. Doch entscheidender ist: 100 Prozent werden älter – und die Zielgruppe der Best Ager ist eine der reisefreudigsten überhaupt. Menschen mit Einschränkungen sind zudem selten allein unterwegs, sondern reisen mit Partnern, Freunden oder Familie. Jeder verlorene Gast bedeutet also oft mehrere entgangene Konsumenten.
Die Wirtschaftskammer Österreich bringt es in einer Publikation klar auf den Punkt: Wer Barrierefreiheit nur mit Rollstuhlfahrern verbindet, denkt zu kurz. Ein modernes Verständnis von Tourismus sieht Barrierefreiheit als Qualitätsmerkmal, nicht als Sonderlösung. Oder, wie es ein Architekt aus dem Bereich „Design for All“ gerne formuliert: „Ein barrierefreier Eingang nützt auch dem Lieferanten mit Sackkarre und der Mutter mit Kinderwagen.“ Das bildet den Kern der Sache – Barrierefreiheit schafft Mehrwert für alle.
2. Die „Hardware“: Bauliche Must-haves für Gastronomie und Hotellerie
Viele Barrieren sind unsichtbar, andere springen ins Auge – etwa Stufen, schmale Türen oder enge Gänge. Die gute Nachricht: Bereits kleine Anpassungen können einen großen Unterschied machen.
Eingang und Zugänge
Wer Gäste empfangen möchte, sollte es ihnen leicht machen. Idealerweise ist der Eingang stufenlos, alternativ schafft eine Rampe Abhilfe. Für selbstständige Nutzung empfehlen Normen wie die DIN 18040 und die ÖNORM B 1600 eine maximale Steigung von sechs Prozent. Nach jeweils zehn Metern sollte ein Zwischenpodest zum Verschnaufen eingeplant werden.
Eine weitere zentrale Stellschraube ist die Türbreite: 90 Zentimeter gelten als Mindestmaß für barrierefreie Zugänge. Automatische Türantriebe oder leichtgängige Beschläge erleichtern zusätzlich die Nutzung.
Bewegungsflächen und Möblierung
Im Inneren sind großzügige Bewegungsflächen hilfreich. Gänge von mindestens 120 Zentimetern ermöglichen ein sicheres Durchkommen. Besonders wichtig: der „Wendekreis des Vertrauens“ – 150 Zentimeter Durchmesser, etwa vor dem WC oder am Gangende. Diese Zahl stammt aus den technischen Vorgaben der ÖNORM B 1600 und gilt als Goldstandard.
Auch bei der Möblierung lässt sich Barrierefreiheit bequem integrieren:
- Unterfahrbare Tische (Höhe ca. 70 cm, Tiefe mindestens 60 cm)
- Flexible Stühle statt fix montierter Bänke
- Klare Wegeführung zwischen Tischen und Buffet
Buffet, Rezeption & Bar
Ein abgesenkter Thekenbereich auf 80 bis 85 Zentimetern kommt nicht nur Rollstuhlnutzern zugute, sondern auch kleineren Menschen oder Kindern. Wo eine bauliche Anpassung nicht möglich ist, kann ein Spiegel oder eine schräge Gestaltung die Einsehbarkeit verbessern.
Sanitäranlagen
Ein voll zugänglicher Gastraum verliert seinen Wert, wenn das WC nicht erreichbar ist. Nach dem Prinzip der „funktionalen Einheit“ müssen beide Bereiche zusammen barrierefrei nutzbar sein. Dazu gehören:
- Türöffnung nach außen
- Stützklappgriffe
- Notrufsystem
- Ausreichender Wendekreis
Akustik & Licht
Barrierefreiheit endet nicht bei Rampen und Griffen. Für Gäste mit Hör- oder Sehbeeinträchtigungen können kontrastreiche Farben, blendfreie Beleuchtung und schallschluckende Materialien entscheidend sein. Das sorgt nebenbei auch für eine angenehmere Atmosphäre im gesamten Betrieb.
3. Die „Software“: Service & Kommunikation
Barrierefreiheit ist mehr als bauliche Maßnahmen. Auch Kommunikation und Service können Hürden abbauen – oder neue schaffen.
Speisekarten
Gut lesbare Speisekarten sind ein Gewinn für alle Gäste. Empfehlenswert sind:
- Sans-Serif-Schriften
- Große Schriftgrade
- Hoher Farbkontrast
Alternativ punkten digitale Karten, die sich vorlesen lassen, oder Karten mit Bildern. Das unterstützt nicht nur Menschen mit Lernschwierigkeiten, sondern auch internationale Gäste. Praxisbeispiele finden sich etwa bei Aktion Mensch, die zahlreiche Ansätze für „weiche Barrieren“ dokumentiert.
Webseite & Online-Informationen
Der Online-Auftritt entscheidet oft darüber, ob ein Gast überhaupt bucht. Zertifizierungssysteme wie „Reisen für Alle“ geben Gastronomen klare Kriterien an die Hand. Wichtig ist vor allem Transparenz: Gibt es Stufen am Eingang? Wie breit ist das WC? Ist der Parkplatz ebenerdig erreichbar?
Die DEHOGA betont, dass verlässliche Information eine Win-Win-Situation schafft – für Betriebe und für Reisende.
Sensibilisierung des Personals
Ein eingespieltes Team macht den Unterschied. Hilfsbereitschaft ist wichtig, sollte aber niemals bevormundend wirken. Grundregeln:
- Gäste direkt ansprechen
- Hilfe anbieten, aber nicht aufdrängen
- Kommunikationshilfen nutzen (z.B. digitale Speisekarte, Allergene klar kennzeichnen)
Gerade die Darstellung von Allergenen und Unverträglichkeiten ist Teil der gesundheitlichen Barrierefreiheit und verhindert Missverständnisse im Alltag.
4. Rechtliche Rahmenbedingungen & Normen
Die rechtlichen Vorgaben unterscheiden sich in Deutschland und Österreich, verfolgen aber ein gemeinsames Ziel: Diskriminierung verhindern.
Österreich (BGStG / WKO)
Das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz verpflichtet Betriebe bei Neu- und Umbauten zur Umsetzung von Barrierefreiheit. Für Bestandsbauten gilt das Prinzip der Zumutbarkeit – Kosten und Nutzen müssen in einem sinnvollen Verhältnis stehen. Die Wirtschaftskammer Österreich bietet in ihrem Leitfaden „Barrierefreiheit im Tourismus“ eine übersichtliche Orientierung.
Deutschland (BGG / AGG)
In Deutschland spielen das Behindertengleichstellungsgesetz und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz eine Rolle. Zielvereinbarungen, unter anderem durch die DEHOGA unterstützt, bieten praxisnahe Wege, Barrierefreiheit stufenweise umzusetzen.
Normen
Für die konkrete Planung sind die DIN 18040 und die ÖNORM B 1600 maßgeblich. Beide werden von offiziellen Stellen als „Stand der Technik“ angesehen.
5. Finanzierung: Wer zahlt den Umbau?
Viele Gastronomen scheuen Investitionen aus Sorge vor hohen Kosten. Dabei gibt es im gesamten DACH-Raum finanzielle Unterstützung. Wichtig ist: Förderanträge müssen in der Regel vor Baubeginn gestellt werden.
Österreich
Das Sozialministeriumservice unterstützt über den Ausgleichstaxfonds barrierefreie Umbauten. Laut der aktuellen Richtlinie „Barrierefreie Unternehmen“ sind Zuschüsse bis zu 75 Prozent möglich, mit Obergrenzen je nach Maßnahme (oft 15.000 bis 25.000 Euro). Gefördert werden unter anderem:
- Rampen
- Lifte
- Leitsysteme
- Barrierefreie WCs
- Barrierefreie Webauftritte
Alle Details finden sich in der Richtlinie Barrierefreie Unternehmen 2023 des Ministeriums.
Deutschland
Hier stehen mehrere Wege offen:
- KfW-Investitionskredite
- Landesprogramme zur Barrierefreiheit
- Kooperationen mit Aktion Mensch für gemeinnützige Projekte
Auch wenn nicht jede Maßnahme voll gefördert wird, lassen sich viele Renovierungen im Zuge ohnehin geplanter Modernisierungen effizient kombinieren.
Fazit & Ausblick
Barrierefreiheit ist kein Aufwand ohne Ertrag, sondern ein Investitionsfeld mit klarer Zukunftsperspektive. Sie sorgt für zufriedene Gäste, vermeidet rechtliche Risiken und öffnet Türen zu einer wachsenden, zahlungskräftigen Zielgruppe. Wer Barrierefreiheit Schritt für Schritt umsetzt, schafft neue Qualität – und sendet ein starkes Signal für Inklusion.
In den kommenden Jahren wird das Thema an Bedeutung gewinnen, nicht zuletzt durch den demografischen Wandel und steigende Erwartungen der Gäste. Wenn Sie jetzt beginnen, Barrieren abzubauen, verschaffen Sie sich einen spürbaren Wettbewerbsvorteil.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Ist der Eingang für alle Gäste gut erreichbar – ohne Stufen oder mit Rampe?
- Sind WC-Anlagen so gestaltet, dass sie für alle nutzbar sind?
- Ist Ihre Speisekarte gut lesbar oder digital verfügbar?
- Informiert Ihre Webseite klar über Zugänglichkeit?
- Hat Ihr Team ein Grundverständnis für inklusive Kommunikation?
- Sind Fördermöglichkeiten bereits geprüft – bevor Sie investieren?
Ein barrierefreier Betrieb zeigt Wertschätzung. Und das honorieren Ihre Gäste – heute mehr denn je.