1. Wenn die Bank „Nein“ sagt
Stellen Sie sich vor, Sie stehen im halbfertigen Gastraum, die neue Zapfanlage ist ausgesucht, die Fliesen liegen bereit – doch der Kreditvertrag platzt. Für viele Gründer in der Gastronomie ist dieses Szenario bittere Realität. Die Branche gilt bei vielen Banken als Risikofeld, Sicherheiten fehlen, und selbst überzeugende Konzepte scheitern an starren Kriterien.
Genau an dieser Stelle erlebt Crowdfunding seinen Aufstieg. Hier entscheiden nicht Bankgremien, sondern potenzielle Gäste, ob ein Konzept Potenzial hat. Und zwar ganz direkt: Über Plattformen wie Startnext oder regionale „Viele schaffen mehr“-Seiten können Gastronomen mit wenigen Klicks ihre Finanzierungslücke schließen. Oft entsteht dabei ein doppelter Effekt: Geld fließt in die Kasse – und gleichzeitig entsteht eine enorme Aufmerksamkeit, bevor überhaupt der erste Teller den Pass verlässt.
Ein häufig gehörter Satz erfolgreicher Kampagnenmacher bringt es gut auf den Punkt: „Die Bank wollte unseren Businessplan nicht verstehen. Unsere Gäste schon – innerhalb von 24 Stunden hatten wir das Startkapital zusammen.“ Wer seine Crowd überzeugt, gewinnt also nicht nur Kapital, sondern auch treue Erstkunden.
2. Funding vs. Investing: Die Unterschiede
Crowdfunding ist nicht gleich Crowdfunding. Für Gastronomen lohnt sich ein genauer Blick auf die zwei gängigen Modelle.
Reward-based Funding: Geld gegen Gegenleistung
Beim klassischen Crowdfunding kaufen Unterstützer im Voraus etwas, das sie später einlösen können: Gutscheine, ein reservierter Barhocker, Eintritt zur Eröffnungsparty oder ein privates Dinner. Damit funktioniert diese Art wie ein vorgezogener Umsatz – ohne langfristige Verpflichtungen.
Diese Variante eignet sich besonders für überschaubare Projekte: eine neue Espressomaschine, frische Möbel, der Umbau eines kleinen Cafés. Vorteil: Kein Eigenkapitalverlust, keine Beteiligungsstrukturen, kein kompliziertes Kleingedrucktes. Plattformen wie Startnext haben sich darauf spezialisiert und sind im DACH-Raum führend, gerade im Bereich Gastronomie und kreative Konzepte.
Crowdinvesting / Crowdlending: Geld gegen Rendite
Wer dagegen Expansionspläne hat – etwa ein zweites Lokal, ein Franchise-Konzept oder eine Vergrößerung der Produktionsfläche –, stößt mit Reward-Modellen schnell an Grenzen. Hier kommt Crowdinvesting ins Spiel. Die Crowd gibt ein Darlehen oder beteiligt sich am Gewinn. Die Rendite liegt je nach Risiko oft zwischen 4 und 8 Prozent jährlich.
Plattformen wie Seedmatch oder Invesdor konzentrieren sich auf solche Projekte. Viele Finanzierungen laufen über nachrangige Darlehen, also Mezzanine-Kapital. Das klingt nach viel Freiheit für Unternehmer, bedeutet aber auch: Es gelten Finanzmarktregeln. Oft müssen Informationsblätter nach Vorgaben der BaFin bereitgestellt werden.
Ein Experte bringt es pragmatisch auf den Punkt: „Crowdfunding ist der ultimative Markttest. Wenn niemand bereit ist, Ihnen vorab 20 Euro für einen Gutschein zu geben, wird auch niemand kommen, wenn der Laden offen ist.“
3. Die wichtigsten Plattformen für die Gastro
Wer eine Kampagne starten will, hat die Qual der Wahl. Jede Plattform hat ihre Stärken – und nicht jedes Gastroprojekt passt überall rein.
Startnext
Als Marktführer im deutschsprachigen Raum ist Startnext die erste Adresse für Projekte mit starker Story. Besonders kreative Gastrokonzepte wie vegane Cafés, Zero-Waste-Läden oder kleine Brauprojekte finden hier ihr Publikum. Übersichtliche Tools, hohe Reichweite und eine aktive Community erleichtern den Start.
Mehr dazu im Ratgeber „Finanzierung für die Restauranteröffnung“ von Zenchef (zenchef.com).
Seedmatch und Invesdor
Ideal für Wachstumsvorhaben und skalierbare Konzepte. Hier investieren Menschen mit Renditeerwartung. Das bedeutet professionellere Unterlagen, Geschäftskennzahlen und oft ein Mindestvolumen von 100.000 Euro aufwärts. Für ambitionierte Expansionspläne kann das der richtige Weg sein.
EcoCrowd
Hier schlägt das Herz für Nachhaltigkeit. Wer mit regionalen Partnern arbeitet, Bio-Ansätze verfolgt oder Farm-to-Table-Konzepte plant, trifft hier auf Unterstützer, die genau solche Projekte fördern möchten.
Regionale Plattformen
Viele Volksbanken und Sparkassen betreiben lokale Crowdfunding-Seiten wie „Viele schaffen mehr“. Oft sind diese Modelle spenden- oder gutscheinfokussiert, eignen sich aber hervorragend für Projekte, die stark im Viertel verwurzelt sind – etwa die Wiedereröffnung des Stammlokals oder der Neubau eines Dorfgasthofs.
Weitere Marktübersichten bietet das Portal crowdfunding.de, das regelmäßig Statistiken veröffentlicht.
4. Erfolgsfaktoren: Storytelling und „Dankeschöns“
Der entscheidende Erfolgsfaktor ist selten der Businessplan – sondern die Geschichte. Wer die Crowd begeistern will, muss zeigen, wofür das Herz schlägt.
Das Pitch-Video: Authentizität schlägt Hochglanz
Ein perfekt ausgeleuchtetes Studio brauchen Sie nicht. Ein ehrliches Smartphone-Video, in dem Sie erklären, warum Ihr Projekt wichtig ist, reicht oft aus. Wichtig ist, dass der Funke überspringt. Zeigen Sie Ihr Team, Ihre Küche, Ihren Umbau – alles, was Vertrauen schafft.
Die Story: Gemeinsam etwas schaffen
Erfolgreiche Kampagnen formulieren nicht: „Ich brauche Geld für eine neue Küche.“
Sondern: „Wir schaffen gemeinsam einen Ort, an dem …“
Der Fokus liegt auf dem Warum: Warum macht gerade dieses Konzept die Nachbarschaft besser? Warum zahlt sich dieser Ort für die Community aus? Wer dieses Gefühl transportiert, gewinnt Unterstützer.
Belohnungen, die wirklich funktionieren
Gute Rewards sind klar, attraktiv und eignen sich für unterschiedliche Geldbeutel.
Beliebte Formen:
- Gutscheine mit Bonuswert (50 € zahlen, 60 € essen)
- Namentliche Erwähnungen – von der „Wall of Fame“ bis zum gravierten Barhocker
- Exklusive Events – Pre-Opening-Abend, Küchenparty, Kochkurs
- Langfristige Vorteile – z.B. „Freibier am Geburtstag“
Eine gut gestaffelte Reward-Struktur bringt nicht nur mehr Kapital, sondern hilft auch, die Kernzielgruppe zu definieren. Laut Plattformangaben liegen erfolgreiche Gastro-Kampagnen häufig zwischen 10.000 und 50.000 Euro – realistische Ziele, die glaubwürdig kommuniziert werden müssen.
5. Risiken und Aufwand nicht unterschätzen
So verlockend Crowdfunding klingt: Es ist kein Selbstläufer.
Ein Vollzeitjob auf Zeit
Während der Kampagne müssen Posts erstellt, Nachrichten beantwortet, Presse und lokale Netzwerke aktiviert werden. Viele Gastronomen berichten, dass sie während dieser Phase kaum zum Kochen kommen – so intensiv ist der Aufwand.
Alles oder nichts
Bei den meisten Plattformen gilt: Wird das Ziel auch nur knapp verfehlt, fließt das Geld zurück. Das sorgt für Transparenz – aber auch für Stress in den letzten Tagen einer Kampagne.
Rechtliche und steuerliche Stolpersteine
Besonders wichtig:
- Gutscheine müssen später eingelöst werden – Rückstellungen nicht vergessen.
- Umsatzsteuer fällt oft sofort an, auch wenn der Gast erst Monate später essen kommt.
- Mehrzweck vs. Einzweckgutscheine sauber trennen (Thema für den Steuerberater!).
- Bei Investments gilt: Hinweise der BaFin beachten, Totalverlustrisiko klar kommunizieren.
Die BaFin informiert dazu ausführlich in ihrem Bereich „Verbraucherschutz Crowdfunding“ auf bafin.de.
Ein offizieller Hinweis bringt es nüchtern auf den Punkt: „Anleger müssen verstehen, dass Crowdinvesting Risikokapital ist. Ein Totalverlust ist möglich, wenn der Gastronom scheitert.“
Genussrechte als Alternative
In der Gastro beliebt, aber weniger sichtbar: Genussrechte. Sie sind eine Mischform aus Eigen- und Fremdkapital und werden häufig über eigene Websites abgewickelt. Wer genügend Reichweite und Stammkundschaft hat, kann auf diesem Weg eigene Finanzierungsmodelle aufsetzen – allerdings mit juristischer Beratung.
Fazit / Ausblick
Crowdfunding ist für viele Gastronomen mehr als ein Lückenfüller, wenn Banken blocken. Es ist ein Frühwarnsystem, ein Marketing-Booster und ein Instrument, das Kundinnen und Kunden zu aktiven Teilhabern macht. Wer seine Story überzeugend erzählt, kann damit nicht nur Kapital sammeln, sondern auch eine treue Community aufbauen.
In den nächsten Jahren wird Crowdinvesting weiter wachsen – besonders im Bereich nachhaltiger Konzepte und regionaler Projekte. Wer heute Erfahrungen sammelt, verschafft sich einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz.
Wenn Sie jetzt prüfen, welches Modell zu Ihrem Konzept passt, können Sie bald schon mit der Crowd anstoßen – noch bevor der erste Gast offiziell begrüßt wird.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Ist Ihre Story klar, emotional und leicht verständlich?
- Haben Sie attraktive Rewards für unterschiedliche Unterstützergruppen?
- Sind steuerliche und rechtliche Fragen (BaFin, Gutscheine, Rückstellungen) geklärt?
- Passt Ihr Projekt besser zu Reward-Funding oder zum Investment-Modell?
- Haben Sie die Ressourcen für intensive Kampagnenkommunikation?
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