Flavor-Booster aus dem Süden: Wie Harissa, Berbere & Za’atar die Karte beleben
Viele Gäste reisen kulinarisch inzwischen weiter, als ihre Urlaubsplanung schafft – und erwarten dieselbe Entdeckerlust auf der Speisekarte. Afrikanische und nahöstliche Gewürzmischungen bieten dafür die perfekte Bühne: intensiv, aromatisch, überraschend vielseitig. Für Gastronomen heißt das vor allem eines: Mit minimalem Wareneinsatz lässt sich ein maximaler „Wow“-Effekt erzielen.
1. Der „Ottolenghi-Effekt“ hält an
Stellen Sie sich vor, ein Gast blättert die Karte durch und bleibt an einem vertrauten Gericht hängen – vielleicht Ofengemüse, ein Hähnchengericht oder ein Frühstücksei. Und dann steht da: mit Za’atar. Oder Harissa-Joghurt. Sofort entsteht ein Bild im Kopf: Sonne, Marktgerüche, Gewürzstände. Genau das ist der „Ottolenghi-Effekt“, der die europäische Gastronomie seit Jahren inspiriert.
Die Levante-Küche aus Israel, Libanon und Syrien hat den Anfang gemacht, jetzt ziehen Nord- und Ostafrika nach. Gäste sind durch Reisen, Social Media und Kochbuch-Stars wie Yotam Ottolenghi offener denn je für komplexe, krautige oder fruchtig-scharfe Aromen. Und sie wollen nicht nur „scharf“, sondern „aromatisch“.
Gleichzeitig wächst die vegetarische Zielgruppe kontinuierlich: Laut einer Analyse des Feinschmeckers und des Allensbacher Instituts bezeichnen sich 8,43 Millionen Deutsche als Vegetarier. Diese Gäste verlangen nach Gerichten, die geschmacklich mithalten – und genau hier spielen Gewürzmischungen aus Afrika und der Levante ihre ganze Stärke aus: Sie geben Gemüse Tiefe, Dreidimensionalität und Charakter.
Für Gastronomiebetriebe bedeutet das: Mit wenigen neuen Gewürzen lassen sich Gerichte schaffen, die im Gedächtnis bleiben – ohne das Konzept komplett umzustellen.
2. Die „Big Three“: Harissa, Za’atar, Ras el Hanout
Ras el Hanout: Der Chef unter den Mischungen
Der Name bedeutet so viel wie „Chef des Ladens“ – und genauso schmeckt Ras el Hanout: wie die Best-of-Auswahl einer Gewürzmanufaktur. Gute Mischungen enthalten 20 bis 30 Einzelgewürze, darunter Zimt, Kardamom, Kurkuma, Rosenblüten oder sogar Paradieskörner. Diese Vielschichtigkeit sorgt für Wärme, florale Noten und subtile Schärfe.
Traditionell würzt Ras el Hanout nordafrikanische Schmorgerichte wie Tajines. In der modernen Küche funktioniert es aber genauso gut in Wildjus, winterlichen Saucen oder über Ofenkürbis. Der Gewürzexperte Ingo Holland formulierte es im Tagesspiegel treffend: Eine warme, pikante Note bringt Spannung ins Gericht – sofern man sie nicht überdosiert.
Harissa: Feurig, aber nicht brachial
Harissa kennen viele als chilliintensive Paste aus Tunesien – ein feuriger Mix aus Chili, Kreuzkümmel, Koriander und Knoblauch. Was oft unterschätzt wird: Harissa kann viel mehr als Schärfe. In Kombination mit Joghurt, in Marinaden oder als Dip entfaltet es eine angenehme Tiefe, die sowohl Fleisch als auch Gemüse aufwertet.
Gastronomisch besonders attraktiv: Harissa lässt sich wunderbar „eindeutschen“. Eine Harissa-Mayonnaise auf dem Burger? Sofort moderner. Hähnchen in Harissa-Marinade? Ein No-Brainer. Oder ein Löffel Harissa im Tomatensugo? Sofort komplexer.
Za’atar: Der Finisher
Za’atar – eine Mischung aus Thymian oder wildem Oregano, Sesam und Sumach – ist der Inbegriff von Levante-Umami. Krautig, nussig, leicht säuerlich. Während die meisten Gewürze im Kochprozess landen, wirkt Za’atar am besten als Finisher: über Labneh, Hummus, Ofengemüse oder schlicht über ein Frühstücksei am Hotelbuffet.
Weil Sesam enthalten ist, gehört Za’atar zu den potenziellen Allergenen – ein Hinweis für die Karte ist Pflicht.
3. Die neuen Wilden: Berbere, Dukkah & Sumach
Berbere: Der scharfe Tiefgänger
Die äthiopische Küche ist ohne Berbere kaum vorstellbar. Die Mischung setzt sich aus Chili, Ingwer, Nelken, Piment und Bockshornklee zusammen – eine kantige, scharfe, aber erstaunlich tiefgründige Kombination.
Trendpotenzial? Riesig. Berbere macht aus einem simplen Linseneintopf ein kraftvolles Signature Dish. Als Rub auf Steaks sorgt es für ein kraftvolles „African BBQ“, das vielen Gästen neu, aber nicht fremd wirkt.
Dukkah: Crunch, der verkauft
Dukkah ist die vielleicht spannendste Mischung für moderne Gastronomie: eine ägyptische Komposition aus Haselnüssen, Sesam, Kreuzkümmel und Koriander. Anders als klassische Gewürze liefert Dukkah Textur – und damit ein Element, das viele Teller sofort origineller wirken lässt.
Einsatzmöglichkeiten:
- als Panade für Fisch oder Geflügel
- über Salate oder Bowls
- als Amuse-Gueule mit Öl und Brot
Ein Küchenchef formulierte es treffend: „Früher stellten wir Salz und Pfeffer auf den Tisch. Heute servieren wir Dukkah mit gutem Olivenöl – der Gast merkt sofort: Hier gibt es etwas Besonderes.“
Wichtig: Wegen der Nüsse ist Dukkah klar deklarationspflichtig.
Sumach: Säure mit Farbe
Sumach ist die gemahlene Frucht des Essigbaums. Der Geschmack: säuerlich-frisch, aber milder als Zitronensaft. Es ersetzt Säure, ohne Feuchtigkeit einzubringen – ein Vorteil in Bowls, Marinaden oder auf gegrilltem Fisch. Gleichzeitig bringt Sumach eine tiefrote Farbe, die optisch sofort Appetit macht.
4. Crossover & Fusion: Mut zum Stilbruch
Viele Gastronomen fürchten, exotische Gewürze könnten zu weit vom eigenen Konzept entfernt sein. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade in der Verbindung mit vertrauten Klassikern wirken sie besonders spannend.
Ein paar Beispiele für unkomplizierte Stilbrüche:
- Wiener Schnitzel mit Dukkah-Sesam-Panade
- Kartoffelsalat mit Sumach statt Essig
- Bratensoße mit einer Messerspitze Ras el Hanout – ideal für die Winterkarte
- Blumenkohl mit Harissa-Joghurt und Kräutern
Diese kleinen Akzente sind leicht umzusetzen, kosten wenig – und bieten gleichzeitig enormes Storytelling-Potenzial. Gäste lieben Gerichte, die ihnen vertraut sind, aber trotzdem überraschen.
5. Einkauf & Handling: Aroma schützen
Damit die Aromen wirklich zur Geltung kommen, braucht es beim Einkauf und Umgang ein wenig Sorgfalt.
Darauf sollten Sie achten:
- Qualität vor Masse: Viele günstige Mischungen aus dem Supermarkt enthalten Füllstoffe oder uninspirierte Basisgewürze. Hochwertige Produkte – etwa von spezialisierten Manufakturen – liefern deutlich mehr Tiefe. Orientierung geben etwa Artikel im Tagesspiegel oder die Übersichten des Bremer Gewürzhandels.
- Anrösten intensiviert den Geschmack: Besonders Kreuzkümmel, Koriander oder Ras el Hanout profitieren vom kurzen Trockenrösten in der Pfanne. Potluck erklärt diese Technik ausführlich – sie ist einfach und effektiv.
- Lagerung: Gewürze gehören dunkel und luftdicht gelagert, denn Licht und Sauerstoff sind Aromen-Killer.
- Allergene: Dukkah (Nüsse) und Za’atar (Sesam) müssen klar gekennzeichnet werden.
Fazit / Ausblick
Exotische Gewürzmischungen sind keine modische Spielerei, sondern echte Differenzierungs-Booster. Sie verleihen Standardgerichten Tiefe und Charakter, bieten enormes Storytelling-Potenzial und passen perfekt zum Trend der vegetarischen Küche. Wer sie gezielt einsetzt, schafft mit minimalem Aufwand Gerichte, die Gäste neugierig machen und im Gedächtnis bleiben.
In den kommenden Jahren wird die Nachfrage nach aromenstarker, pflanzenbasierter Küche weiter steigen – und damit auch die Bedeutung dieser Gewürze. Wenn Sie jetzt beginnen, Harissa, Za’atar oder Berbere in kleinen Schritten in Ihre Karte zu integrieren, sind Sie Ihrer Konkurrenz einen deutlichen Schritt voraus.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Haben Sie ein Signature-Gewürz, das Ihre Küche prägt?
- Gibt es ein vertrautes Gericht, das Sie mit einem neuen Akzent modernisieren könnten?
- Sind Allergene wie Sesam oder Nüsse klar gekennzeichnet?
- Nutzen Sie hochwertige Gewürzquellen – und rösten Sie sie bei Bedarf frisch an?