1. Status Quo: Mehr als nur ein Trend
Stellen Sie sich vor, die Mittagspause einer belebten Innenstadt: Ein steter Strom an Coffee-to-go-Bechern, Salatschalen und Suppenboxen wandert über die Theken – und am Ende des Tages landet alles in der Tonne. Das Umweltbundesamt (UBA) beziffert das Müllaufkommen durch Einweggeschirr und To-Go-Verpackungen auf über 346.000 Tonnen allein in Deutschland (2017). Seit Corona ist das Takeaway-Geschäft weiter gewachsen, inklusive rund sieben Prozent mehr Verpackungsmüll.
Kein Wunder also, dass die Politik reagiert hat. In Deutschland gilt seit dem 1. Januar 2023 die Mehrwegangebotspflicht für Restaurants, Cafés und Lieferdienste ab 80 Quadratmetern Verkaufsfläche oder mehr als fünf Beschäftigten. Einweg darf zwar weiterhin angeboten werden – aber nur, wenn die Mehrwegoption nicht teurer ist. Österreich geht einen ähnlichen Weg: Das Klimaschutzministerium (BMK) forciert Mehrwegquoten und Maßnahmen zur Abfallvermeidung, flankiert durch Leitfäden wie den österreichischen „Take-away Mehrweg“-Guide des BMLUK.
Für Gastronomen bedeutet das: Weg vom Wegwerfen, hin zu echten Kreisläufen. Die ersten Verbote (z.B. Einweg-Strohhalme oder Styroporboxen) waren nur der Auftakt. Jetzt geht es darum, wie Ihre Verpackungsstrategie dauerhaft ökologisch und gleichzeitig praxistauglich wird.
2. Der Trugschluss „Bio-Plastik“
Viele Betriebe probieren es mit biologisch abbaubaren Kunststoffen wie PLA – in der Hoffnung, damit einen umweltfreundlichen Mittelweg zu finden. Klingt gut, fühlt sich gut an, löst aber das Problem nicht. Das Umweltbundesamt schreibt in seiner Analyse zu biobasierten Einwegverpackungen klar: „Biobasierte Kunststoffe sind keine Lösung für das Müllproblem.“
Warum?
– Bio-Plastik landet in der Praxis häufig im Restmüll und wird verbrannt, weil viele Kompostieranlagen es aussortieren.
– Gelangt es in die Umwelt, zerfällt es zu Mikroplastik – ein Verhalten, das konventionellem Plastik ähnlicher ist als vermutet.
– Auch vermeintlich „grüne“ Kunststoffe enthalten oft chemische Zusatzstoffe, die ihre Umweltbilanz negativ beeinflussen.
Kurz gesagt: Einweg bleibt Einweg. Jede Schale, die nach einmaligem Gebrauch entsorgt wird, hat einen Ressourcen-Footprint, der sich selten rechtfertigen lässt. Und mit Blick auf steigende Preise für Einwegprodukte wird es zunehmend unattraktiv, auf diese Schiene zu setzen. Nachhaltigkeit funktioniert nur dann, wenn Verpackungen mehr als eine Runde drehen.
3. System-Vergleich: Pool vs. Insel
Die gute Nachricht: Die Mehrweglösungen haben sich weiterentwickelt – und dürfen heute als ausgereift gelten. Die große Frage ist, welches Modell am besten zu Ihrem Betrieb passt.
Poolsysteme – Die überregionalen Netzwerke
Anbieter wie Recup/Rebowl, Vytal, Relevo oder Faircup haben in den vergangenen Jahren große Netze aufgebaut. Für Gäste bedeutet das: Sie können ihren Mehrwegbecher oder ihre Bowl überall zurückgeben, nicht nur dort, wo sie sie ausgeliehen haben. Das schafft Komfort und fördert Akzeptanz.
Es gibt zwei gängige Modelle:
– Pfand-Modell (z.B. Recup): Der Gast zahlt einen kleinen Betrag, bekommt ihn nach Rückgabe wieder – simpel, gästefreundlich und ohne digitale Hürden.
– App-Modell (z.B. Vytal): Der Verleih ist kostenlos, nur bei Nicht-Rückgabe wird eine Gebühr fällig. Dafür sind Kundendaten erforderlich, und Betriebe können teilweise Füllgebühren oder Geschäftsgebühren zahlen.
Vorteil der Poolsysteme: Sie profitieren vom Netzwerkeffekt. Wer bereits ein Recup- oder Vytal-Konto hat, nutzt Ihr Angebot deutlich leichter.
Insellösungen – eigenes Pfandsystem
Gerade für Betriebe mit hohem Stammkundenanteil – etwa Hotels, Hochschulmensen oder Kantinen – kann ein eigenes Mehrwegsystem sinnvoll sein. Die Gäste kommen ohnehin täglich wieder, die Wege sind kurz, und der Betrieb behält volle Kontrolle über Material, Design und Pfandlogik.
Nachteil: Die Initialkosten sind hoch. Geschirr, Spülkapazitäten, Mitarbeiterschulung – alles liegt in Ihrer Hand. Zudem fehlt der Komfort einer überregionalen Rückgabestruktur.
Kundeneigene Behälter
Seit Jahren erlaubt und rechtlich abgesichert: Gäste dürfen eigene Gefäße mitbringen. Für Sie ist diese Lösung besonders kosteneffizient, aber auch herausfordernd. Unterschiedliche Behältergrößen können Abläufe an der Theke verlangsamen, und Mitarbeitende müssen hygienisch korrekt arbeiten.
Dafür gibt es klare Regeln. Und die sind einfacher, als viele annehmen.
4. Hygiene & Handling im Alltag
Eine der häufigsten Sorgen: „Was, wenn etwas schiefgeht? Ist das überhaupt hygienisch?“ Ein Blick in die Hygieneleitlinien des Lebensmittelverbands und die Mehrwegempfehlungen des UBA zeigt: Ja – wenn man ein paar Grundsätze beachtet.
Ein bewährtes Konzept ist die sogenannte Brückenzone. Der Gast stellt sein eigenes Gefäß auf ein Tablett oder eine Ablage im Zwischenbereich – ohne dass Sie es anfassen müssen. Ihr Team befüllt es von oben, vermeidet Kontakt zum Innenraum und gibt es über dieselbe Zone wieder zurück. Sicherheit für alle, ohne komplizierte Abläufe.
Für die Rücknahme von Poolgeschirr gilt: Sichtkontrolle, Annahme, klarer Weg zur Spülmaschine. Industrielle Spülgeräte sorgen anschließend für hygienische Aufbereitung. Ein kurzes, eindeutiges Spülprotokoll hilft Mitarbeitenden, Fehler zu vermeiden: Hände waschen nach jeder Rücknahme, getrennte Ablageflächen, klare Laufwege.
Viele Gastronomen berichten, dass sich diese Abläufe innerhalb weniger Wochen vollständig einspielen – und das Team sogar stolz auf den eigenen Beitrag zur Abfallvermeidung wird.
5. Kosten & Kundenakzeptanz
Bleibt die entscheidende Frage: Lohnt sich der Umstieg wirtschaftlich?
Einwegverpackungen kosten zwischen 20 und 50 Cent pro Stück. Bei 50 Takeaway-Gerichten am Tag reden wir von 10 bis 25 Euro reinen Wegwerfkosten – täglich. Und dieses Geld kommt nie zurück.
Mehrweg funktioniert anders: Ja, Sie zahlen Systemgebühren oder Spülkosten. Aber dafür entfällt ein großer Teil der Einweganschaffungen. Bei Betrieben mit hohem Durchsatz ist der Break-Even oft schnell erreicht. Besonders attraktiv: Wenn Gäste Pfandbehälter zurückbringen, kommen sie häufig erneut vorbei und konsumieren weiter. Mehrweg fördert also Kundenbindung – ein unterschätzter Marketingeffekt.
Auch kommunikativ gibt es große Chancen. Wer nachhaltig handelt, kann dies offensiv, aber authentisch vermarkten. Etwa, indem Sie darauf hinweisen, dass Gerichte in robusten Schalen länger warm bleiben oder geschmacklich besser wirken als in Pappe. Viele Restaurants nutzen zudem einen Aufpreis für Einwegverpackungen, um Mehrweg als „Standardoption“ zu etablieren. Nudging funktioniert – solange es fair und klar kommuniziert wird.
Ein Gastronom fasst es so zusammen: „Am Anfang waren wir skeptisch wegen des Spülaufwands. Aber die Gäste finden es toll, nicht mehr so viel Müll zu produzieren, und die hochwertigen Schalen halten das Essen viel länger warm.“
Fazit / Ausblick
Mehrweg ist kein Trend, sondern die neue Basis im Takeaway-Geschäft. Die gesetzlichen Vorgaben, steigende Einwegpreise und die klare Kommunikation von Umweltbehörden wie dem UBA machen deutlich: Die Zukunft gehört funktionierenden, wiederverwendbaren Verpackungskreisläufen. Bio-Plastik ist dafür keine Lösung, Poolsysteme dagegen sehr wohl – und in vielen Fällen sogar wirtschaftlich attraktiver.
Wer jetzt auf digitale Ausleihmodelle, klare Hygieneprozesse und smarte Kommunikation setzt, kann nicht nur Müll reduzieren, sondern auch neue Gästetreue aufbauen. Die Entwicklung im DACH-Raum zeigt: Mehrweg wird weiter gefördert und Schritt für Schritt normalisiert. Wenn Sie den Umstieg frühzeitig aktiv gestalten, sind Sie im Wettbewerb um nachhaltige Gäste einen großen Schritt voraus.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
– Haben Sie ein Mehrwegangebot, das aktiv sichtbar kommuniziert wird?
– Ist Ihr Team im Umgang mit Rücknahme, Spülung und Brückenzone geschult?
– Prüfen Sie regelmäßig, ob Einwegkosten Ihre Systemgebühren übersteigen.
– Haben Sie einen klaren Standard: Mehrweg zuerst, Einweg nur auf Wunsch?
– Nutzen Sie den Marketingeffekt: Gäste wollen nachhaltige Lösungen – sagen Sie ihnen, dass Sie eine bieten.