Jenseits der Erbse: Wie Insekten, Algen und Laborfleisch die Speisekarte erobern
Pflanzenburger und Soja-Schnitzel sind längst keine Überraschung mehr – sie gehören vielerorts fest zur Karte. Doch die nächste Innovationswelle rollt bereits an. Insekten, Algen und kultiviertes Fleisch versprechen neue Aromen, mehr Nachhaltigkeit und spannende Storys für Ihr Menü. Dieser Überblick zeigt, was heute schon möglich ist und wo sich für Gastronomen echte Chancen auftun.
1. Die zweite Welle rollt an
Stellen Sie sich vor: Ein Gast blättert durch Ihre Karte und stolpert über einen „Protein-Bowl mit Algen-Pasta“ oder einen „Insekten-Burger mit nussigem Aroma“. Noch hebt er die Augenbrauen – aber vielleicht nicht mehr lange. Denn während pflanzliche Fleischalternativen auf Basis von Erbse oder Soja ihren festen Platz gefunden haben, suchen Gäste zunehmend nach neuen, nachhaltigen Proteinquellen.
Die Gründe liegen auf der Hand: Die Weltbevölkerung wächst, die Ressourcen werden knapper, und die klassische Tierhaltung stößt an ökologische Grenzen. Studien wie die des Krones Magazins zu alternativen Proteinquellen zeigen, dass Vielfalt künftig wichtiger wird als Ideologie. Und genau hier kommen drei spannende Gruppen ins Spiel: Insekten, Algen und kultiviertes Fleisch.
2. Das Krabbeln auf dem Teller: Insekten
Ein Thema, das polarisiert: Insekten. Für viele Gäste noch gewöhnungsbedürftig, für andere längst ein Trend – und für die EU ein klar geregeltes Novel-Food-Thema. Immerhin vier Arten sind derzeit zugelassen: Mehlwurm, Wanderheuschrecke, Hausgrille und Getreideschimmelkäfer (auch Buffalowurm). Die Übersicht liefert unter anderem ein Beitrag des EUFIC zu alternativen Proteinquellen.
Warum lohnt sich der Blick auf die kleinen Tierchen? Zum Beispiel wegen der beeindruckenden Umweltbilanz. Laut einer EU-Analyse, die im Krones-Magazin zitiert wird, benötigen sie bis zu 92 Prozent weniger Landfläche als Rindfleisch. Auch der Wasserverbrauch ist minimal – ein Vorteil, den das Umweltbundesamt in seinem Trendbericht zum Fleisch der Zukunft eindrucksvoll hervorhebt.
Doch der größte Gegner ist hierzulande nicht die Logistik, sondern der Kopf. Ein Fachbeitrag aus dem KErn-Netzwerk bringt es auf den Punkt: „Es ist eher eine Frage der Gewohnheit als des Geschmacks.“ Viele Gäste schreckt die Vorstellung ganzer Insekten ab – gegen Insektenmehl in Nudeln, Burger-Patties oder Riegeln haben sie jedoch weit weniger Vorbehalte.
Das eröffnet Gastronomen neue Freiräume. Ein Koch fasst es so zusammen: „Wer Insekten auf die Karte setzt, braucht mutige Gäste und gutes Storytelling. Es darf nicht als Mutprobe inszeniert werden, sondern als Delikatesse.“ Wichtig: Die Allergenkennzeichnung ist Pflicht, denn Insekten können Kreuzreaktionen bei Personen mit Hausstaubmilben- oder Krustentierallergie auslösen.
3. Grünzeug aus dem Meer: Algen
Während Insekten noch Überzeugungsarbeit erfordern, haben Algen einen vergleichsweise leichten Einstieg. Sie gelten als natürlich, nachhaltig – und sind dank Sushi ohnehin vertraut. Dabei lohnt sich ein genauerer Blick auf die Vielfalt: Makroalgen wie Nori oder Wakame sind kulinarisch etabliert, doch besonders spannend sind Mikroalgen wie Spirulina und Chlorella.
Spirulina-Pulver färbt Buns leuchtend grün, Chlorella verleiht Smoothies und Saucen einen zusätzlichen Proteinschub. Algen wachsen extrem schnell, benötigen kein Ackerland und binden CO₂ – ein Vorteil, den sowohl das Krones Magazin als auch EUFIC hervorheben.
Herausfordernd bleibt allerdings der Geschmack. Das „Meer-Aroma“ passt nicht zu jedem Gericht. Erfolgreiche Beispiele zeigen: Am besten funktionieren Algen dort, wo ihre Farbe, ihr Umami oder ihre Nährstoffe im Vordergrund stehen – etwa in Bowls, veganen Mayo-Alternativen oder selbst gemachten Algen-Pastas.
4. High-Tech aus dem Bioreaktor: Cultured Meat & Fermentation
Der Bereich mit der größten Faszination – und den größten Fragezeichen – ist eindeutig das kultivierte Fleisch. Echtes Fleisch, aber ohne Tierhaltung: gezüchtet aus Stammzellen, vermehrt im Bioreaktor. Noch ist es in der EU nicht zugelassen, wie der Blick in den Novel-Food-Katalog der Kommission zeigt. In Ländern wie Singapur oder Teilen der USA dagegen hat es bereits ein Fuß in die Tür geschafft.
Doch bis kultiviertes Fleisch auf deutschen Speisekarten landet, wird es noch dauern. Die Gründe: hohe Kosten, energieintensive Produktion und offene Akzeptanzfragen. Manche nennen es „Frankenstein-Fleisch“, andere „Clean Meat“. Entscheidend wird sein, wie die Technologie langfristig ökologische Vorteile gegenüber konventioneller Landwirtschaft ausspielen kann. Eine Stimme aus dem Krones Magazin warnt: „Alternativ bedeutet nicht automatisch nachhaltig. Auch bei Laborfleisch oder Fermentation muss der Energieverbrauch kritisch betrachtet und optimiert werden.“
Deutlich näher an der Praxis ist dagegen die Fermentation – von Mykoproteinen wie Quorn bis hin zu Präzisionsfermentation, bei der Mikroorganismen Proteine oder Aromen erzeugen. Diese Technologien sind etabliert, skalierbar und liefern faserige, fleischähnliche Strukturen, die viele Gäste bereits akzeptiert haben. Der Trendbericht des Umweltbundesamtes sowie die umfassende Literaturstudie des KErn Bayern zeigen, dass die Fermentation in Europa derzeit die marktreifste „Future Food“-Technologie ist.
5. Praxis-Check: Integration in die Speisekarte
Die große Frage für Gastronominnen und Gastronomen lautet: Wie bringe ich solche Produkte auf die Karte – und wie erkläre ich sie dem Gast?
Ein paar erprobte Strategien:
- Invisible Ingredients: Insektenmehl in Pasta, Spirulina in Desserts, Mykoprotein im Ragout. Perfekt für Gäste, die Neues probieren möchten, aber nicht die komplette Bühne dafür wollen.
- Storytelling statt Moralkeule: Statt „schonender fürs Klima“ lieber „nussiges Aroma“ oder „intensiver Umami-Kick“. Gäste wollen Genuss – Nachhaltigkeit darf das Sahnehäubchen sein.
- Zielgruppe Real Omnivores: Laut KErn-Studie wächst die Gruppe der neugierigen Flexitarier, die bewusst, aber nicht dogmatisch essen. Ein Experte beschreibt sie so: „Real Omnivores stehen für eine ausgewogene, nachhaltige Ernährung ohne Verzicht.“
- Preispositionierung: Novel-Food-Produkte sind häufig noch teuer. Deshalb funktionieren sie am besten als Premium-Specials oder saisonale Aktionsgerichte.
Wer bereits erste Gehversuche machen möchte, kann mit Gerichten starten, die vertraute Formen nutzen: Burger, Bowls, Snacks. Die Überraschung steckt dann im Detail – und in der Geschichte dahinter.
Fazit & Ausblick
Alternative Proteine bleiben ein Wachstumsmarkt – und die nächste Stufe beginnt gerade erst. Während Algen und Fermentation schon heute praxistaugliche Optionen für die Gastronomie sind, eröffnen Insekten völlig neue Spielräume. Cultured Meat bleibt vorerst Zukunftsmusik für Europa, doch die Dynamik ist enorm.
Für Gastronomen gilt: Es muss nicht gleich die radikale Umstellung sein. Kleine Testgerichte, saisonale Specials und kreative Kommunikation helfen, Gäste Schritt für Schritt mitzunehmen. Wer jetzt experimentiert, verschafft sich einen Vorsprung – und positioniert sich als mutiger Vorreiter in einer Branche, die sich rasant weiterentwickelt.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Haben Sie ein Gericht, bei dem Algen oder Insektenmehl als „Invisible Ingredient“ funktionieren könnten?
- Gibt es Zielgruppen unter Ihren Gästen, die besonders offen für Food-Tech und Nachhaltigkeit sind?
- Könnten Sie ein saisonales Aktionsgericht testen, um Feedback einzuholen?
Wer heute klein anfängt, kann morgen groß überraschen – und die Zukunft der Gastronomie aktiv mitgestalten.