Donnerstag, 12. Februar 2026 GastroNews – Magazin für Profis
Management & Recht

Barrierefreiheit als Umsatz-Hebel: Warum Inklusion mehr ist als nur eine Rampe

Barrierefreiheit wird im Gastgewerbe oft als Pflichtprogramm gesehen – dabei steckt darin enormes wirtschaftliches Potenzial. Wer sein Lokal für alle erreichbar macht, gewinnt neue Zielgruppen, stärkt sein Image und erfüllt gleichzeitig kommende gesetzliche Standards. Warum jetzt der perfekte Zeitpunkt ist, Barrieren abzubauen und Komfort aufzubauen.

1. Der unterschätzte Markt

Stellen Sie sich vor, ein Gast steht vor Ihrem Restaurant – motiviert, hungrig, mit Freunden im Schlepptau. Doch schon die erste Stufe vor der Tür entscheidet: Essen oder umdrehen? Für viele Menschen ist das Alltag. Barrierefreiheit betrifft jedoch weit mehr als Rollstuhlnutzer. Rund 10 Prozent der Bevölkerung sind dauerhaft eingeschränkt, weitere 30 bis 40 Prozent profitieren indirekt, etwa Seniorinnen und Senioren, Familien mit Kinderwagen oder Menschen mit temporären Verletzungen.

Eine Rampe ist also nicht nur ein Symbol für Inklusion, sondern praktischer Komfort für alle. Sie erleichtert dem Lieferanten das Rangieren mit der Sackkarre genauso wie der Mutter das Hineinschieben des Kinderwagens. Die DEHOGA betont in einem Beitrag zur Branchenausrichtung, dass Barrierefreiheit „ein Qualitätsmerkmal und ein Wettbewerbsvorteil“ sei – eine Win-Win-Situation für Gäste und Gastgeber. Und tatsächlich: Viele Betriebe erleben schon mit kleinen Verbesserungen positive Rückmeldungen und höhere Wiederbesuchsquoten.

2. Bauliche Basics: Mehr als nur die Rampe

Barrierefrei heißt nicht „krankenhausmäßig“. Ein moderner, ästhetischer Eingangsbereich kann auch mit einer sanften Rampe wirken, wie Planer immer wieder betonen: „Universal Design integriert Barrierefreiheit selbstverständlich – und oft unsichtbar – ins Raumkonzept.“

Damit das gelingt, lohnt ein Blick auf die wichtigsten baulichen Elemente:

Eingang & Rampe

Der stufenlose Zugang ist das A und O. Normen wie die DIN 18040 oder die ÖNORM B 1600 empfehlen maximal sechs Prozent Steigung, damit Gäste selbstständig hinaufkommen. Mobile Rampen können laut Aktion Mensch schon ein kostengünstiger erster Schritt sein, wenn der feste Umbau noch nicht möglich ist.

Türen & Durchgänge

Türen sollten mindestens 80–90 Zentimeter breit sein und leicht öffnen – gern automatisch. Gerade in älteren Gebäuden ist das oft die größte Herausforderung, aber auch der größte Komfortgewinn.

Bewegungsflächen

Die „magische Zahl“ lautet 150 x 150 Zentimeter. Das ist der übliche Wendekreis eines Rollstuhls und relevant vor allem in Gängen oder vor dem WC.

Sanitäranlagen

Ein barrierefreies WC entscheidet für viele Gäste darüber, ob ein Lokal überhaupt besucht werden kann. Unterfahrbare Waschbecken, Haltegriffe, rutschfeste Böden und ein gut erreichbarer Notruf sind Standard. Wichtig: In Österreich gilt laut Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz das Prinzip der „funktionalen Einheit“. Ist das WC nicht zugänglich, ist für betroffene Gäste das gesamte Restaurant praktisch unbenutzbar.

Tische & Innenraum

Unterfahrbarkeit (mindestens 70 cm Höhe) und ausreichend Beinfreiheit machen den Unterschied. In der Praxis bedeutet das oft: weniger eng gestellte Möbel, dafür mehr Qualität in der Raumwahrnehmung.

Licht & Akustik

Gute Ausleuchtung hilft Menschen mit Sehbeeinträchtigung und – ganz nebenbei – auch älteren Gästen. Teppiche, Vorhänge und Akustikelemente erleichtern Hörgeräteträgern das Verstehen, was wiederum die Gesprächsatmosphäre für alle verbessert.

Wer auf lokale Bauordnungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz achtet, bewegt sich sicher. Die Grundprinzipien sind überall ähnlich.

3. Digitale Barrierefreiheit & Recht: Das BFSG 2025

Während bauliche Barrieren gut sichtbar sind, werden digitale Barrieren oft unterschätzt. Doch spätestens ab dem 28. Juni 2025 wird es ernst: Dann tritt in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) in Kraft. Für viele Gastronomiebetriebe relevant sind damit barrierefreie:

Die Anforderungen sind klar: Inhalte müssen für Screenreader lesbar sein, Bilder brauchen Alt-Texte, Farben genügend Kontrast. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales stellt auf seiner Seite eine ausführliche BFSG-Informationsbroschüre bereit (siehe Linkliste im Research).

In Österreich und der Schweiz gelten vergleichbare Anforderungen über das BGStG bzw. BehiG. Die genauen Fristen unterscheiden sich, das Ziel bleibt gleich: Digitale Produkte sollen für alle nutzbar sein. Ein barrierefreier Webauftritt ist heute jedoch nicht nur Pflicht – er ist ein SEO-Vorteil und verbessert das Nutzererlebnis für alle Gäste.

4. Service & Kommunikation: Barrieren im Kopf abbauen

Selbst das perfekteste WC hilft wenig, wenn die Kommunikation im Betrieb Unsicherheiten schafft. Barrierefreiheit ist auch eine Frage der Haltung im Team.

Speisekarten, die für alle funktionieren

Kontrastreiche Gestaltung, gut lesbare Schriftgrößen, klare Strukturen – das kommt nicht nur sehbehinderten Menschen zugute, sondern auch der „Silver Society“. Immer mehr Betriebe setzen auf digitale Speisekarten via QR-Code. Viele Gäste können diese mit der Sprach- oder Zoomfunktion ihres Smartphones anpassen. Ein Gastronom berichtet: „Seit wir unsere Speisekarte digital und kontrastreich anbieten, bekommen wir nicht nur Lob von blinden Gästen, sondern vor allem von Senioren, die ihre Lesebrille vergessen haben.“

Personal-Schulung

Der Umgang mit Menschen mit Behinderung ist oft einfacher, als viele denken. Entscheidend sind drei Grundsätze:

Auch klare Kennzeichnungen von Allergenen gehören zur Barrierefreiheit. Sie reduzieren Missverständnisse und sind Teil eines verantwortungsvollen Service.

5. Wirtschaftlichkeit & Förderung

Warum lohnt sich der Aufwand? Ganz einfach: Menschen mit Behinderung essen selten allein. Oft kommen Freunde, Partner oder die Familie mit. Und wenn alles gut funktioniert, kommen alle wieder – ein enormer Vorteil bei der Stammkundenbindung.

Zudem schaffen Zertifizierungen wie „Reisen für Alle“ Vertrauen. Die Kriterien sind transparent, und zertifizierte Betriebe erscheinen in verschiedenen touristischen Informationsportalen. Das steigert die Sichtbarkeit – gerade für Gäste, die sich im Vorfeld intensiv informieren.

Finanziell unterstützen können:

Die Umbaukosten variieren je nach Gebäude, aber Fördermittel reduzieren das Risiko deutlich.

6. Fazit: Gastfreundschaft für alle

Barrierefreiheit ist weit mehr als eine Rampe vor der Tür. Sie ist ein Zeichen echter Gastfreundschaft – und gleichzeitig ein wirtschaftliches Argument, das kaum zu ignorieren ist. Betriebe, die sich frühzeitig an kommende Standards anpassen, schaffen klare Vorteile im Wettbewerb, ziehen neue Zielgruppen an und stärken ihr Qualitätsimage.

Der demografische Wandel wird die Nachfrage nach barrierefreien Angeboten weiter steigen lassen. Wenn Sie jetzt Schritte setzen – baulich, digital oder im Service – sind Sie Ihrer Konkurrenz einen entscheidenden Schritt voraus.

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