Dienstag, 17. März 2026 GastroNews – Magazin für Profis
Nachhaltigkeit

Foodsharing & Apps: Wie Gastronomen Überschüsse in Chancen verwandeln

Was tun mit den Speisen, die am Tagesende übrigbleiben? Wegwerfen wird immer teurer – wirtschaftlich wie reputativ. Gleichzeitig entstehen neue digitale und soziale Netzwerke, die Gastronomie und Hotellerie beim nachhaltigen Umgang mit Überschüssen unterstützen. Und das mit überraschenden Effekten für Kosten, Kundschaft und Team.

Foodsharing & Apps: Wie Gastronomen Überschüsse in Chancen verwandeln

TL;DR

Teaser:

Was tun mit den Speisen, die am Tagesende übrigbleiben? Wegwerfen wird immer teurer – wirtschaftlich wie reputativ. Gleichzeitig entstehen neue digitale und soziale Netzwerke, die Gastronomie und Hotellerie beim nachhaltigen Umgang mit Überschüssen unterstützen. Und das mit überraschenden Effekten für Kosten, Kundschaft und Team.

1. Der teure Weg in die Tonne

Stellen Sie sich den Blick in eine volle Mülltonne nach einem hektischen Service vor: Reste vom Buffet, ein Blech Brötchen, ein paar Portionen, die aus Sicherheitsgründen zu viel produziert wurden. Was für Gäste wie eine lästige Randerscheinung wirkt, ist für Betriebe bares Geld. Und zwar doppelt: Sie haben die Lebensmittel eingekauft – und zahlen anschließend für deren Entsorgung.

Laut einer Studie des Thünen-Instituts entstehen in Großküchen jährlich bis zu 100.000 Euro Verlust durch Lebensmittelabfälle. Rund 28 Tonnen landen im Durchschnitt pro Betrieb und Jahr im Müll. Gerechnet pro Mahlzeit sind das etwa 38 Cent Verlust – jedes Mal, wenn ein Teller zurückgeht oder ein Blech unangetastet bleibt.

Hinzu kommt der Erwartungswandel bei Gästen: Nachhaltigkeit ist ein Buchungs- und Auswahlkriterium geworden. Der Blick in übervolle Abfallbehälter wirkt längst nicht mehr professionell, sondern unachtsam.

Die gute Nachricht: Für unvermeidbare Überschüsse gibt es heute durchdachte Wege – digital, sozial und technisch.

2. Option A: Verkaufen statt wegwerfen – Apps wie Too Good To Go

Einer der bekanntesten Ansätze kommt aus der App-Welt: Too Good To Go (TGTG). Das Prinzip ist simpel: Betriebe bieten am Ende des Tages sogenannte „Magic Bags“ an – Überraschungstüten mit Speisen, die zwar frisch und genießbar, aber nicht mehr regulär verkaufbar sind. Der Preis liegt deutlich unter dem Normalwert, der Wareneinsatz kommt trotzdem oft wieder rein.

Der Aufwand? Minimal. Das Angebot wird spontan eingestellt – je nachdem, wie der Tag gelaufen ist, wie viele Gäste kamen, wie viele Portionen das Team vorbereiten musste.

Praxisbeispiel: ACHAT Hotels

In über 30 Häusern nutzt die Hotelgruppe ACHAT die App bereits. Entscheidend sei die Flexibilität, heißt es in einem Beitrag des Gastgewerbe-Magazins. Besonders bei Events oder wechselnder Belegung lassen sich so Überschüsse gewinnbringend weitergeben.

Blanche von Bodman, Project Manager Nachhaltigkeit bei ACHAT, betont:

„Mit einem präzisen, strategischen Einkauf können wir zwar schon einen großen Schritt hin zu mehr Nachhaltigkeit gehen, doch einen gewissen Spielraum braucht ein attraktives Speisenangebot für Hotel-Gäste immer. Diesen nutzen wir mit der App von Too Good To Go jetzt optimal aus.“

Neben monetären Effekten entsteht ein zusätzlicher Mehrwert: Die App schafft Berührungspunkte zu neuen Gästeschichten – Studierende aus der Nachbarschaft, Mitarbeitende umliegender Unternehmen oder Menschen, die sich sonst nie in ein Hotelrestaurant verirren würden. Nicht selten wird aus dem Schnäppchenjäger später ein regulärer Gast.

Und: Nachhaltigkeit ist ein starkes Marketingtool. TGTG kommuniziert eingesparte CO₂-Mengen transparent – Stoff für Social Media, Newsletter oder das nächste Recruiting-Video.

3. Option B: Spenden und Netzwerken – Foodsharing als Community-Ansatz

Wo der Verkauf an seine Grenzen stößt, beginnt die Welt der Spenden. Ein zentraler Akteur ist Foodsharing e.V., eine ehrenamtliche Bewegung ohne kommerzielle Interessen. Hier geht es nicht um Umsatz, sondern darum, dass genießbare Lebensmittel nicht im Abfall landen.

Wie funktioniert es?

Betriebe registrieren sich über das Netzwerk. Ehrenamtliche – sogenannte Foodsaver – holen zu vereinbarten Zeiten alles ab, was noch essbar, aber nicht mehr verkäuflich ist. Das können sein:

Ein Foodsaver fasst es so zusammen: „Für uns ist es wichtig, dass genießbare Lebensmittel gegessen werden. Wir holen auch nachts noch Brötchen oder Gemüse ab, das der Gastronom sonst kostenpflichtig entsorgen müsste.“

Der Vorteil gegenüber Apps liegt klar auf der Hand: Foodsharing nimmt wirklich alles mit. Die Mülltonne bleibt leer, Entsorgungskosten sinken – und die Community im Umfeld wächst. Viele Betriebe berichten, dass sie über die Kooperation neue lokale Kontakte, treue Fans und ein starkes nachhaltiges Image gewinnen.

Fairteiler: Öffentliche Orte gegen Verschwendung

Zudem landen viele Lebensmittel in sogenannten Fairteilern – öffentlich zugänglichen Schränken oder Kühlschränken, in denen jeder sich bedienen darf. Damit findet die Ware ihren Weg in die Nachbarschaft und unterstützt soziale Teilhabe.

Wer tiefer einsteigen möchte, findet Informationen bei Foodsharing.de.

4. Option C: Vermeidung statt Weitergabe – KI misst, bevor Abfall entsteht

Die effektivste Methode gegen Food Waste? Gar nicht erst überproduzieren.

Moderne Technologien unterstützen Betriebe dabei, ihre Prozesse zu optimieren. Ein Beispiel: KI-gestützte Systeme wie „Winnow Vision“. Eine Kamera erkennt, was in der Küche weggeworfen wird, welche Mengen entstehen und welchen Warenwert die Abfälle haben. Die Daten fließen in Dashboards, die Küchenchefs für Einkauf, Rezepturen und Portionierungsgrößen nutzen können.

Das Beispiel Radisson Blu Bremen

Im Radisson Blu Bremen ist die KI bereits seit zwei Jahren im Einsatz. Laut HOGAPAGE sank die Menge der Lebensmittelabfälle um 60 Prozent – rund 90.000 Mahlzeiten wurden dadurch gar nicht erst unnötig produziert.

Küchenchef Tim Hoffmann erklärt:

„Winnow hat uns nicht nur dabei unterstützt, unsere Küchenprozesse zu verbessern, sondern auch unser Team für das Thema Lebensmittelverschwendung sensibilisiert.“

Auch Carolin Dürkop von Winnow DACH sagt im gleichen Bericht:

„Unser Ziel ist es, ein Bewusstsein für die Bedeutung einer nachhaltigen Lebensmittelwirtschaft zu schaffen und eine positive Veränderung in der gesamten Branche zu bewirken.“

Das Beispiel zeigt: Technik ist kein Selbstzweck. Sie wirkt am stärksten, wenn sie das Team einbindet. Daten schaffen Klarheit – und Klarheit verändert Routinen.

5. Rechtliches & Hygiene – was Sie beachten sollten

So sinnvoll Weitergabe und Verkauf von Lebensmitteln sind: Rechtlich sollten Sie ein paar Punkte im Blick behalten. Ein DEHOGA-Leitfaden zur Weitergabe von Lebensmitteln bietet hier gute Orientierung.

Wesentliche Aspekte:

Für vertiefende Informationen lohnt sich eine Suche nach dem „DEHOGA Leitfaden Weitergabe Lebensmittel“.

Fazit: Win-Win für alle

Ob Verkauf, Spende oder Hightech – das Ziel bleibt das gleiche: Lebensmittelabfälle reduzieren und Ressourcen effizienter nutzen. Gastronomie- und Hotelbetriebe sparen so Kosten, stärken ihr nachhaltiges Profil und schaffen oft sogar neue Gäste- und Mitarbeiterbindung.

Die Leitfrage dieses Artikels lässt sich daher klar beantworten: Unvermeidbare Überschüsse sind keine Last, sondern eine Chance. Wer sie strategisch einsetzt, profitiert wirtschaftlich, ökologisch und gesellschaftlich.

In den kommenden Jahren wird das Thema weiter an Bedeutung gewinnen – Kundinnen und Kunden achten stärker auf Nachhaltigkeit, und technische Lösungen werden noch präziser. Wer jetzt erste Schritte geht, verschafft sich einen Vorsprung.

Kurz-Check für Ihren Betrieb

Wenn Sie heute damit beginnen, Ihre Überschüsse smart zu steuern, sind Sie Ihrer Konkurrenz – und dem Klimaziel – einen Schritt voraus.

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