Der schöne Keller und das unsichtbare Gas: Warum Radon auf Ihre Checkliste gehört
TL;DR
- Radon ist farb-, geruch- und geschmacklos; eine verlässliche Einschätzung gelingt nur über Messung.
- Keller-Gasträume, Weinkeller, Lager, Personalräume und Untergeschoss-Spas können für den Arbeitsschutz relevant sein.
- In Deutschland gilt für Aufenthaltsräume und Arbeitsplätze ein Referenzwert von 300 Bq/m3 als Jahresmittel.
- Betreiber sollten Räume erfassen, Nutzungsdauer prüfen, Messungen dokumentieren und nach Maßnahmen erneut messen.
Der Gewölbekeller ist ausgebucht. Kerzenlicht auf Naturstein, Rotwein im Glas, gedämpfte Stimmen zwischen alten Mauern. Für Gäste ist das Atmosphäre. Für Betreiber ist es auch Gebäudeverantwortung. Denn manche Risiken machen keinen Lärm, tropfen nicht von der Decke und riechen nicht nach Schimmel. Radon ist so eines.
Der italienische Branchenverband FIPE hat am 8. Juli 2026 darauf hingewiesen, dass Radon auch öffentliche Betriebe wie Restaurants und Bars betreffen kann. Das ist kein Grund, jetzt jeden Keller zur Problemzone zu erklären. Und es bedeutet auch nicht, dass italienische Regeln automatisch in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gelten. Aber der Hinweis trifft einen Punkt, der in vielen Betrieben unter dem Radar läuft: Keller, Souterrains, Weinkeller, Personalräume, Lager und Untergeschoss-Spas sind nicht nur schöne oder praktische Flächen. Sie können arbeitsschutzrelevant sein.
Radon ist ein natürlich vorkommendes radioaktives Gas aus dem Zerfall von Uran in Boden und Gestein. Die WHO beschreibt es als geruchlos, farblos und geschmacklos. Kurz gesagt: Man merkt es nicht. Man misst es.
Warum gerade Gastro-Keller Aufmerksamkeit verdienen
Radon kann aus dem Boden in Gebäude eindringen. Laut WHO geschieht das über Risse, Boden-Wand-Anschlüsse, Leitungsdurchführungen, Kabelöffnungen, Poren, Hohlräume, Drains, Sumps und undichte Gebäudeteile. Besonders interessant sind deshalb Räume mit Bodenkontakt: Keller, Souterrains, erdberührte Gasträume, alte Gewölbe.
In der Gastronomie und Hotellerie sind genau diese Räume oft wertvoll. Der Weinkeller ist Verkaufsargument. Die Bar im Souterrain ist ein Konzept. Das Lager im Keller hält den Betrieb am Laufen. Der Personalraum verschwindet gern nach unten, weil oben jeder Quadratmeter Umsatzfläche zählt. Hotels platzieren Spa, Fitness, Technik oder Verbindungsgänge häufig im Untergeschoss.
Das heißt nicht: Keller gleich Gefahr. Radonwerte hängen von Geologie, Baujahr, Rissen, Abdichtung, Lüftung, Luftdichtheit, Druckverhältnissen und Nutzungsdauer ab. Zwei Gebäude nebeneinander können unterschiedlich sein. Auch im selben Haus kann ein Raum auffällig sein und ein anderer nicht. Karten und Gebietsinformationen sind hilfreich, ersetzen aber keine Messung im konkreten Betrieb.
Für Gäste ist der kurze Aufenthalt in einem Gewölberestaurant anders zu bewerten als ein dauerhafter Arbeitsplatz. Deshalb liegt der Schwerpunkt für Betreiber vor allem auf Beschäftigten: Wer arbeitet regelmäßig dort? Wer verbringt täglich Zeit im Keller? Wer kommissioniert Ware, bereitet vor, betreut Spa-Gäste oder macht Inventur?
Die 300-Bq/m3-Zahl richtig einordnen
Für Deutschland ist die wichtigste Praxiszahl 300 Becquerel pro Kubikmeter. Sie gilt als Referenzwert für die Radon-222-Aktivitätskonzentration in Aufenthaltsräumen und an Arbeitsplätzen, gemessen als Jahresmittel. Dieser Wert ist kein Alarmknopf im Sinne von „ab hier akut gefährlich“. Er ist ein Maßstab, ab dem Maßnahmen geprüft und umgesetzt werden müssen.
In deutschen Radonvorsorgegebieten bestehen für Verantwortliche bestimmter Arbeitsplätze in Keller- oder Erdgeschossräumen Messpflichten. Welche Räume konkret betroffen sind, welche Messdauer gilt und welche Behörde zuständig ist, sollten Betriebe über Bundesamt für Strahlenschutz, Länderbehörden oder fachkundige Stellen prüfen.
Österreich und die Schweiz haben eigene Radon-Regelungen. In Österreich sind Radonschutzverordnung und Radonschutzgebiete relevant. In der Schweiz spielen Strahlenschutzvorgaben und Informationen des Bundesamts für Gesundheit, darunter Radonkarten, eine Rolle; auch dort ist der Referenzwert von 300 Bq/m3 für regelmäßig genutzte Räume ein zentraler Orientierungspunkt. Für DACH-Betriebe gilt daher: nicht pauschalisieren. Deutschland, Österreich und Schweiz separat prüfen.
Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung. Bei konkreten Pflichten, Messprotokollen, Vermieterfragen oder Sanierungsschritten sollten zuständige Strahlenschutz- und Arbeitsschutzstellen oder qualifizierte Fachpersonen einbezogen werden.
Der Keller-Rundgang: Was Sie zuerst prüfen sollten
Der beste Einstieg ist kein Gutachten, sondern ein strukturierter Rundgang. Nehmen Sie den Grundriss, gehen Sie durch das Haus und markieren Sie alle erdberührten oder schlecht belüfteten Räume.
Auf die Liste gehören: Gastraum im Keller, Bar im Souterrain, Lager, Personalraum, Büro, Weinkeller, Vorbereitungsküche, Technikräume, Spa, Fitnessbereich, Verbindungsgänge und alte Gewölbeflächen. Auch Räume, die „nur hinten“ liegen, sollten nicht automatisch herausfallen. Entscheidend ist die Nutzung.
Dann stellen Sie pro Raum drei Fragen. Erstens: Wie oft hält sich dort jemand auf? Zweitens: Wie lange? Drittens: Handelt es sich um Gästeaufenthalt, kurze Lagertätigkeit oder regelmäßigen Arbeitsplatz?
Ein Weinkeller, den der Sommelier täglich nutzt, ist anders zu betrachten als ein Lager, das einmal pro Woche betreten wird. Ein Personalraum im Keller ist anders als ein reiner Technikraum. Ein Spa im Untergeschoss kann wegen langer Öffnungszeiten und regelmäßiger Personalpräsenz besonders relevant sein.
Danach prüfen Sie den Standort: Liegt der Betrieb in Deutschland in einem Radonvorsorgegebiet? Gibt es in Österreich Hinweise auf ein Radonschutzgebiet? Was sagen Schweizer Radonkarten und zuständige Stellen? Diese Prüfung sortiert das Risiko, beendet es aber nicht. Denn Radon ist gebäudespezifisch.
Messen: klein, unspektakulär, entscheidend
Radonmessung ist keine Show. Passive Detektoren sind laut WHO klein und einfach einsetzbar. Wichtig ist, dass sie nach dem jeweils geltenden nationalen Protokoll platziert, belassen und ausgewertet werden. Für Arbeitsplätze können bestimmte Messdauern und zugelassene Messstellen vorgeschrieben sein.
Warum nicht einfach kurz messen? Weil Radonwerte schwanken. Jahreszeit, Lüftung, Wetter, Gebäudenutzung und Druckverhältnisse können Werte beeinflussen. Die WHO empfiehlt für verlässliche Bewertungen längere Messungen; für Wohnräume nennt sie mindestens drei Monate als bevorzugte Messdauer. Für Betriebe zählt: Vorgaben für Arbeitsplätze separat prüfen und nicht aus einer Momentaufnahme zu viel ableiten.
Dokumentieren Sie das Ergebnis sauber: Raum, Messstelle, Messzeitraum, Nutzung, Wert, Maßnahmen, Nachmessung. Das wirkt trocken, ist aber Betreiberpraxis. Wer später umbaut, vermietet, mit Behörden spricht oder Arbeitsschutzmaßnahmen nachweisen muss, braucht mehr als „Wir hatten da mal ein Gerät liegen“.
Wenn Werte erhöht sind: Lüften allein ist selten die ganze Antwort
Bei erhöhten Werten ist Lüftung oft der erste Gedanke. Sie kann helfen, aber sie sollte nicht die einzige ungeprüfte Dauerlösung bleiben. Entscheidend ist, ob die Werte im realen Betrieb sinken und ob die Maßnahme dauerhaft funktioniert.
Die WHO nennt bewährte Ansätze: Unterbodenlüftung verbessern, Radon-Sumpf oder Radonbrunnen unter Keller oder Bodenplatte, Radonübergang vom Keller in Aufenthaltsräume vermeiden, Böden und Wände abdichten sowie Gebäudelüftung verbessern. Für Betreiber heißt das praktisch: Risse, Fugen, Rohrdurchführungen, Bodenabläufe und Wandanschlüsse prüfen. Außerdem sollte eine Lüftungsanlage nicht so betrieben werden, dass Unterdruck zusätzlich Radon aus dem Boden ansaugt.
In alten Weinkellern und Gewölben wird es fachlich interessant. Wein braucht stabiles Klima. Arbeitsschutz braucht verlässliche Raumluft. Das ist kein Entweder-oder, aber es gehört geplant. Manchmal genügt eine angepasste Nutzung oder Lüftung. Manchmal braucht es Abdichtung, technische Maßnahmen oder Fachplanung. Nach jeder relevanten Maßnahme sollte erneut gemessen werden.
Radon gehört in Umbaupläne
Besonders wichtig wird das Thema bei Nutzungsänderungen. Ein Lager wird zum Gastraum. Ein Kellerbüro wird Personalraum. Ein Hotel baut ein Spa ins Untergeschoss. Eine alte Gewölbefläche wird zur Weinbar. Genau dann sollten Betreiber Radon früh mitdenken, nicht erst nach Eröffnung.
Bei Kellerausbauten stehen oft Feuchte, Brandschutz, Fluchtwege, Lüftung, Sanitär und Design im Vordergrund. Radon gehört in dieselbe Checkliste. Wer früh misst und plant, hat mehr Optionen. Wer spät reagiert, hat meist höhere Kosten und weniger Spielraum.
Radon ist kein Skandalthema. Es ist ein prüfbares Risiko. Für Betriebe mit Kellern, alten Gebäuden oder erdberührten Räumen lautet der sinnvolle Ablauf: erfassen, bewerten, messen, dokumentieren, handeln, nachmessen. So wird aus einem unsichtbaren Gas ein sichtbarer Punkt im Arbeitsschutz. Genau dort gehört es hin.