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International

Teller leer oder Strafe zahlen: Chinas radikales Gesetz gegen Food Waste

China hat die Lebensmittelverschwendung in der Gastronomie zur Staatsangelegenheit gemacht. Seit 2021 erlaubt ein Gesetz Restaurants, Gebühren für volle Teller zu verlangen – und bestraft Wirte, die Gäste zur Völlerei ermutigen. Was steckt dahinter, wie funktioniert das in der Praxis, und was bedeutet das für Gastronomen in Europa? Ein Blick in ein System, das Food Waste mit eiserner Hand bekämpft.

1. Die „Clean Plate Campaign“

Stellen Sie sich vor, Ihre Gäste wären gewohnt, grundsätzlich zu viel zu bestellen – aus Höflichkeit. Und Sie müssten ihnen nun freundlich, aber bestimmt erklären, dass weniger manchmal mehr ist. Genau das passiert in China seit dem Jahr 2020, als Staatschef Xi Jinping die damals weitverbreitete Lebensmittelverschwendung als „schockierend und beunruhigend“ bezeichnete.

Über Jahrzehnte war Überfluss in China Teil kultureller Gastfreundschaft: Ein Tisch, der nicht überquoll, signalisierte mangelnde Großzügigkeit. Leere Teller konnten dagegen als Hinweis verstanden werden, dass Gäste nicht satt geworden sind – also wurde sicherheitshalber noch ein Gericht bestellt.

Mit der „Clean Plate Campaign“ änderte sich das radikal. Ziel ist es, Chinas Ernährungssicherheit langfristig zu stärken und Ressourcen zu schonen. Kein kleines Problem: Allein in der Catering-Industrie des Landes sollen jährlich rund 18 Milliarden Kilogramm Lebensmittel im Müll gelandet sein.

Im April 2021 trat daher ein neues Gesetz in Kraft, das Restaurants und Gäste gleichermaßen in die Pflicht nimmt – und das international für Aufmerksamkeit sorgt.

2. Das Gesetz von 2021: Fakten und Strafen

Wer das chinesische Anti-Food-Waste-Gesetz liest, merkt schnell: Der Staat meint es ernst. Für Gastronomen ist es ein Balanceakt zwischen Service und gesetzlicher Pflicht.

Strafen für Restaurants

Restaurants dürfen ihre Gäste nicht mehr dazu verleiten, zu viel zu bestellen. Wer es trotzdem tut – etwa durch aktive Empfehlungen oder Marketing, das auf übergroße Mengen abzielt –, riskiert saftige Strafzahlungen. Laut einem Bericht der FAZ drohen bis zu 10.000 Yuan, umgerechnet rund 1.275 Euro.

Dazu kommt eine weitere Verpflichtung: Betriebe müssen ihre Gäste aktiv auf sparsamen Konsum aufmerksam machen. Das geschieht durch Hinweisschilder oder freundliche Hinweise des Servicepersonals. Ein chinesischer Restaurantbetreiber brachte es in einem Medieninterview sinngemäß so auf den Punkt: „Früher war es gut für den Umsatz, wenn Tische sich bogen. Jetzt riskieren wir eine Strafe, wenn wir Gäste nicht bremsen.“

Gebühren für Gäste

Anders als häufig berichtet, zwingt das Gesetz Lokale nicht dazu, pauschale Strafen zu kassieren. Aber es erlaubt ihnen ausdrücklich, eine „Entsorgungsgebühr“ zu verlangen, wenn Gäste eine unverhältnismäßig große Menge Essen zurücklassen. Die Höhe dieser Gebühr ist nicht vorgegeben, muss aber klar ausgewiesen sein.

Besonders interessant: Auch Catering-Anbieter dürfen eine solche Gebühr erheben – eine Maßnahme, die vor allem Großveranstaltungen und Kantinen betrifft.

Was bedeutet das in der Praxis?

Für Betreiber ist entscheidend, eine klare Linie zu haben:

• Hinweise platzieren

• Portionsempfehlungen aussprechen

• Speisekarten anpassen

• Dokumentieren, wie man Gäste berät

Was in Europa als “Serviceeinschränkung” missverstanden werden könnte, ist in China längst gelebter Alltag. Und es wirkt: Viele Restaurants berichten von deutlich weniger Tellerresten und klareren Bestellmustern.

3. Ende der Fressorgien: Das Mukbang-Verbot

Wenn Extreme den Ton bestimmen, reagiert China restriktiv. Das gilt auch für den Trend aus Südkorea, der als „Mukbang“ bekannt wurde: Videos, in denen Menschen riesige Mengen Essen vor laufender Kamera verdrücken. Millionen Klicks, Millionen Kalorien – und aus Sicht Pekings: Millionen falscher Vorbilder.

Plattformen wie Douyin (das chinesische TikTok) oder Kuaishou müssen solche Inhalte löschen oder zumindest mit Warnhinweisen versehen, etwa: „Cherish food, refuse waste“. Begründung: Diese Videos fördern Verschwendung und eine ungesunde Esskultur.

Wie sensibel das Thema inzwischen auch bei Gastronomen ist, zeigt ein viel diskutierter Fall, über den unter anderem der Spiegel berichtete: Ein „All you can eat“-Restaurant erteilte einem bekannten Vielesser und Streamer namens „Mr. Kang“ Hausverbot, weil er angeblich zu viel aß – etwa 1,5 Kilo Schweinefleisch in einer Sitzung. Der Betreiber argumentierte mit Verlustgeschäften; der Streamer fühlte sich diskriminiert.

Der Fall sorgte international für Kopfschütteln – aber auch für ein besseres Verständnis, wie stark der gesellschaftliche Druck inzwischen wirkt.

4. Die Praxis: N‑1 Regel und halbe Portionen

Was bedeutet das Gesetz für den Alltag in Restaurants? Viel – vor allem organisatorisch.

Die N‑1‑Regel

Ein zentraler Bestandteil der Kampagne ist die sogenannte „N‑1‑Strategie“. Heißt: Eine Gruppe von zehn Personen soll nur neun Portionen bestellen. Ziel ist, die typische Überbestellung ganzer Banketttische zu reduzieren. Viele Gastronomen haben entsprechende Empfehlungen direkt auf der Speisekarte oder lassen das Servicepersonal aktiv darauf hinweisen.

Neue Portionslogiken

Viele Betriebe bieten inzwischen halbe Portionen, kleinere Teller oder „Mini-Gerichte“ an. Das gibt den Gästen Flexibilität – und spart erhebliche Mengen Essen. Ein Nebeneffekt: Küchen können besser kalkulieren, die Lagerhaltung wird effizienter und foodcosts sinken.

Doggy Bags wiederum, die lange als peinlich galten, sind inzwischen ausdrücklich erwünscht. Gäste werden ermutigt, Reste mitzunehmen, und viele Restaurants stellen dafür eigenes Verpackungsmaterial bereit.

Service-Schulungen

In manchen Restaurants werden Kellner angehalten, Bestellungen zu stoppen, wenn sie merken, dass es zu viel wird. Ein Vorgehen, das in Europa fast undenkbar erscheint – aber im chinesischen Kontext als verantwortungsvolle Handlung gilt.

5. Blick nach Europa: Undenkbar oder Vorbild?

Natürlich stellt sich die Frage: Könnte so etwas auch in Deutschland, Österreich oder der Schweiz funktionieren? Die kurze Antwort lautet: Einerseits ja, andererseits kaum.

Was es bereits gibt

Strafgebühren sind in der DACH-Region keineswegs unbekannt – aber nur in einem klar begrenzten Kontext. Bei „All you can eat“-Buffets, besonders im Sushi- oder Asia-Bereich, sind Zusatzkosten für verschwendete Speisen (zum Beispiel 1–2 Euro pro übrigem Sushi-Stück) in vielen Betrieben gängig und rechtlich durch AGB abgesichert.

Ein deutscher Gastronom formulierte es sinngemäß so: „Bei ‚All you can eat‘ berechne ich schon lange eine Gebühr, wenn volle Teller zurückgehen. Aber bei à la carte wäre das kaum vermittelbar.“

Auch Initiativen zur Lebensmittelrettung sind verbreitet: Kooperationen mit den Tafeln, freiwillige Selbstverpflichtungen, oder digitale Lösungen, die Überproduktionen reduzieren. Laut Berichten wie dem Food Waste in der Gastronomie-Artikel von Winterhalter trägt die Gastronomie weltweit etwa 26 Prozent zur gesamten Verschwendung bei – ein deutlicher Hinweis, wie groß das Einsparpotenzial ist.

Was es nicht gibt

Ein staatliches Gesetz, das Restaurants verpflichten würde, Gäste auf sparsamen Konsum hinzuweisen oder Strafen zu verhängen, ist in Europa derzeit nicht vorstellbar. Regulierung erfolgt eher durch Aufklärung und Freiwilligkeit als durch Strafen.

Was wir dennoch lernen können

China zeigt, wie entscheidend die Rolle der Gastronomie im Kampf gegen Food Waste ist – und welche Hebel es gibt, die unabhängig von politischen Systemen funktionieren: kleinere Portionen, bessere Kommunikation, klügere Mengenplanung.

Fazit / Ausblick

Chinas Anti-Food-Waste-Gesetz ist radikal, autoritär und in seiner Durchsetzung für europäische Verhältnisse schwer vorstellbar. Gleichzeitig macht es deutlich, wie massiv das Problem der Lebensmittelverschwendung ist – und welche Wirkung klare Maßnahmen haben können.

Für die Gastronomie weltweit ist der chinesische Ansatz eine Art Brennglas: Er zeigt, dass Food Waste nicht nur ein logistisches oder moralisches Thema ist, sondern auch ein wirtschaftliches. Wenn weniger im Müll landet, profitieren Kostenstruktur, Umwelt und Image.

Auch ohne Strafgebühren können Betriebe in Europa von den Ideen profitieren: kleinere Portionen, flexible Angebote, klare Kommunikation und eine Kultur, in der das Mitnehmen von Resten selbstverständlich ist.

Wer jetzt beginnt, sein Angebot kritisch zu überprüfen, spart nicht nur Geld – sondern ist seinen Mitbewerbern einen Schritt voraus.

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