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Halal-Tourismus: So begeistern Sie zahlungskräftige Gäste aus den Golfstaaten

Halal-Tourismus: So begeistern Sie zahlungskräftige Gäste aus den Golfstaaten

Gäste aus den Golfstaaten zählen zu den ausgabenfreudigsten Reisenden der Welt – und ihre Zahl wächst stetig. Für Hotels und Restaurants im DACH-Raum bietet das enorme Chancen. Doch wer diese Gäste wirklich überzeugen will, braucht mehr als nur ein Gericht ohne Schweinefleisch. Dieser Artikel zeigt, welche kulturellen Feinheiten entscheidend sind – und wie Sie mit einfachen Anpassungen punkten.

1. Der lukrative Gast aus der Wüste

Stellen Sie sich vor, eine Großfamilie aus Dubai checkt in Ihrem Haus ein: mehrere Zimmer, zwei Suiten, Kinder, Nannys, Shoppinglaune – und ein Aufenthalt, der nicht nur zwei Nächte dauert, sondern gerne auch zwei Wochen. Genau dieses Bild prägt seit Jahren den Sommer in Destinationen wie Interlaken. Dort stiegen die Logiernächte von Gästen aus den Golfstaaten von gut 1.000 im Jahr 2011 auf fast 92.000 im Jahr 2019 – ein Plus, das viele Hotels wirtschaftlich spürbar beflügelt hat.

Quelle: htr.ch

Reisende aus den VAE, Kuwait, Katar oder Saudi-Arabien verbringen überdurchschnittlich viel Zeit im DACH-Raum – und geben überdurchschnittlich viel aus. In der Schweiz liegen die Tagesausgaben pro Person im Schnitt bei rund 420 Franken, deutlich mehr als bei europäischen Gästen. Und: Wer sich verstanden fühlt, kommt oft wieder und bringt gleich die erweiterte Familie mit.

Kurz: Die Zielgruppe lohnt sich – und zwar nicht als exotisches Zusatzgeschäft, sondern als strategische Säule, die viele Betriebe bewusst ausbauen.

2. Halal verstehen: Mehr als nur „kein Schwein“

Der Begriff „Halal“ wird in Europa gerne auf „kein Schweinefleisch“ reduziert. Für Küchenchefs und Gastronomen bedeutet er jedoch weit mehr. Denn im Halal-Kontext spielen auch Details eine große Rolle – und die können in der Küche leicht übersehen werden.

Zunächst das Offensichtliche: Schweinefleisch, Blut und Alkohol sind tabu – und zwar in jeder Form. Das betrifft nicht nur Wein in der Sauce, sondern auch Pralinen mit Alkohol, Alkohol in Aromen oder Gelatine aus Schweineschwarten. Selbst Lab im Käse kann problematisch sein, sofern es nicht mikrobiellen Ursprungs ist.

Besonders wichtig ist das Thema Kreuzkontamination: Wenn ein Messer zuvor ein Stück Speck geschnitten hat, ist es für viele muslimische Gäste nicht mehr Halal-tauglich. Betriebe, die dieses Segment gezielt ansprechen wollen, setzen daher auf getrennte Arbeitsflächen oder eigene Kochutensilien.

Beim Fleisch kommt eine zusätzliche Komplexität hinzu, denn in vielen DACH-Ländern ist das Schächten ohne Betäubung nur eingeschränkt erlaubt. Die Lösung: zertifizierte Halal-Produkte, meist importiert, zum Beispiel aus Frankreich oder Übersee. Der Markt wächst rasant – laut Angaben auf s-ge.com zählen Halal-Produkte weltweit inzwischen zu den bedeutendsten Food-Segmenten überhaupt.

Einheitliche Standards gibt es jedoch nicht. Vertrauen ist wichtig, aber Zertifikate von Lieferanten oder Halal-Kontrollstellen bieten zusätzliche Sicherheit. Küchen- und Servicepersonal sollten zudem wissen, welche Fragen Gäste stellen könnten – und wie man transparent antwortet. Oder wie es Khaldoun Dia-Eddine von der ZHAW sinngemäß formuliert: Es gibt streng religiöse Gäste, pragmatische Gäste und solche, die im Urlaub essen, was ihnen schmeckt. Entscheidend ist Transparenz.

3. Service & Ausstattung: Gebetsteppich und Qibla

Viele Häuser, die bereits erfolgreich Gäste aus den Golfstaaten empfangen, berichten dasselbe: Kleine Gesten machen den größten Unterschied. Und oft sind es Details, die kaum Ressourcen kosten.

In den Zimmern schätzen viele Gäste einen Hinweis auf die Gebetsrichtung (Qibla). Das kann ein unauffälliger Pfeil in der Schublade sein oder eine diskrete Markierung an der Decke. Ein Gebetsteppich oder ein Exemplar des Korans auf Anfrage gehören ebenfalls zu den Basics. Besonders positiv wird eine Handdusche oder ein Bidet wahrgenommen, weil rituelle Reinheit vor dem Gebet eine zentrale Rolle spielt.

Auch die Minibar sorgt regelmäßig für Gesprächsstoff. Einige Hotels lassen den Alkohol einfach drin – gut gekennzeichnet, damit kein versehentlicher Konsum entsteht. Andere räumen die Minibar auf Wunsch oder automatisch vor Anreise aus. Diese kleine Aufmerksamkeit wird von konservativeren Gästen häufig als großer Respekt wahrgenommen.

Traditionell bieten viele Häuser eine „arabische Willkommensgeste“ an: Datteln und Tee – ein Symbol der Gastfreundschaft, das auf simplify.de als Grundelement der arabischen Kultur beschrieben wird.

Beim Service gilt: nicht übertrieben freundlich, sondern aufmerksam respektvoll. Dazu gehört:

Oder anders gesagt: authentisch bleiben, aber kulturelle Nuancen kennen.

4. Strategie: Saisonal, permanent oder auf Vorbestellung?

Wer seine Angebote an muslimische Gäste anpasst, muss nicht gleich sein komplettes Konzept verändern. Erfolgreiche Häuser zeigen unterschiedliche Wege – und alle funktionieren, wenn sie konsequent umgesetzt werden.

Modell 1: Saisonal sichtbare Halal-Angebote

Ein Beispiel aus der Praxis: Das Hotel Metropole in Interlaken setzt während der Hauptsaison auf eine dauerhaft verfügbare Halal-Karte mit separatem Frühstücksbereich. „Wenn man dieses Segment ansprechen will, muss man konsequent sein“, wird Direktor Marco von Euw auf htr.ch zitiert. Für Gäste bedeutet das: Sie müssen nicht fragen – sie sehen das Angebot sofort.

Modell 2: Halal auf Vorbestellung

Ganz anders agiert die Bürgenstock Collection. Dort gibt es Halal-Gerichte nur auf Anfrage. „Wir labeln nicht das ganze Restaurant“, sagt Culinary Director Mike Wehrle sinngemäß. Die Vorteile: weniger Food-Waste, mehr Exklusivität, kein Zwang zur kompletten Menü-Umstellung.

Modell 3: Mischformen je nach Gästestruktur

Viele Häuser richten sich flexibel nach der erwarteten Zielgruppe. Nicht alle Gäste aus den Golfstaaten sind streng religiös – die Spannbreite reicht von sehr traditionellen Reisenden bis hin zu liberalen Familien, die im Urlaub nahezu alles essen. Wer das versteht, kann sein Angebot bedarfsgerecht aussteuern.

5. Ramadan & Sonderwünsche

Fällt der Ramadan in die europäische Reisesaison, verschieben sich die Bedürfnisse erheblich. Essenszeiten richten sich dann nach Sonnenstand:

Viele Hotels bieten während des Ramadans Roomservice zu ungewöhnlichen Zeiten an oder richten ein kleines Nachtbuffet ein. Das muss nicht üppig sein – entscheidend ist die Pünktlichkeit.

Hinzu kommt: Viele Gäste reisen als Großfamilie – oft mit Nannys oder privatem Personal. Verbindungszimmer, großzügige Suiten oder ganze Etagen sind daher gefragt. Konservative Gäste legen zudem Wert auf geschützte Bereiche, etwa private Spa-Stunden, in denen Frauen sich ohne Verschleierung bewegen können.

Fazit: Authentizität statt Anbiederung

Wer Gäste aus den Golfstaaten begeistern möchte, muss nicht sein gesamtes Haus umkrempeln. Entscheidend ist, dass Sie grundlegende Halal-Regeln respektieren, kulturelle Besonderheiten kennen und Ihr Angebot nachvollziehbar kommunizieren. Die Zielgruppe ist zahlungskräftig, loyal und wachsend – eine Kombination, die gerade in der Hotellerie selten geworden ist.

Wenn in den nächsten Jahren mehr Betriebe dieses Potenzial erkennen, wird Halal-Friendliness ein fester Bestandteil hochwertiger Gastlichkeit werden – ähnlich selbstverständlich wie vegane Optionen oder Barrierefreiheit. Wer früh beginnt, sich mit den Bedürfnissen dieser Gäste auseinanderzusetzen, verschafft sich einen Vorsprung. Und manchmal genügt dafür schon ein Qibla-Pfeil in der Schublade.

Kurz-Check für Ihren Betrieb

Wenn Sie diese Punkte beherzigen, wird Ihr Haus nicht nur halal-freundlicher – sondern einfach ein Stück gastfreundlicher insgesamt.

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