1. Mehr als nur lecker
Stellen Sie sich vor, Sie blättern durch den frisch erschienenen Guide Michelin 2025 und merken: Die Gastronomie ist grüner denn je. Exakt 80 Restaurants in Deutschland tragen inzwischen den Grünen Stern – und 14 davon sind in diesem Jahr neu hinzugekommen. Das Wachstum zeigt, wie stark das Thema Nachhaltigkeit in der Spitzengastronomie angekommen ist. Und das trotz der schwierigen Rahmenbedingungen, die vielen Betrieben seit Jahren zu schaffen machen: Personalmangel, volatile Energiekosten, gestiegene Einkaufspreise.
Der Grüne Stern, erst 2020 eingeführt, hat sich erstaunlich schnell als feste Größe etabliert – nicht statt, sondern neben den klassischen Sternen und dem Bib Gourmand. Er steht für ein ganzheitliches Nachhaltigkeitsverständnis, das weit über Bio-Label und Regionalversprechen hinausgeht. Oder wie es Michelin-Direktor Gwendal Poullennec formuliert: „80 Grüne Sterne beweisen das eindrucksvoll.“ Gemeint ist damit die Vorreiterrolle vieler deutscher Betriebe, die oft selbst unterschätzt wird.
Für Gastronomen und Hoteliers bedeutet dieser Trend vor allem eines: Wer heute konsequent nachhaltig arbeitet – vom Wareneinkauf bis zum Energiehaushalt –, verschafft sich einen echten Wettbewerbsvorteil.
2. Was den „Grünen Stern“ ausmacht
Wenn Michelin-Inspektoren über Nachhaltigkeit urteilen, zücken sie kein Formular mit Häkchen. Es geht um eine Philosophie, ein in sich stimmiges Gesamtkonzept. Nachhaltigkeit wird hier nicht als Werbefloskel verstanden, sondern als gelebter Alltag.
Die Kriterien dafür sind klar umrissen:
- Herkunft der Produkte: Radikale Regionalität oder „Farm-to-Table“-Modelle, bei denen der Betrieb nahezu vollständig aus dem eigenen Umfeld schöpft.
- Saisonalität: Keine Erdbeeren im Dezember, dafür kreative Verwertung dessen, was die Saison hergibt.
- Ressourcenschonung: Energie- und Wassermanagement, effiziente Gerätschaften, smarte Kühlketten.
- Abfallmanagement: Von Zero-Waste-Ansätzen über Kompostierung bis hin zur vollständigen Verarbeitung ganzer Tiere.
- Transparenz gegenüber dem Gast: Offene Kommunikation über Lieferanten, Anbaubedingungen und Herkunft.
Dass diese Philosophie weit mehr ist als ein Trend, betont Michelin seit Jahren – unter anderem im Artikel „Verzicht? Im Gegenteil!“ im hauseigenen Magazin. Die Quintessenz: Nachhaltigkeit ist hier kein Verzicht, sondern ein Motor für Kreativität und Genuss.
Für die Praxis heißt das: Betriebe müssen nicht überall perfekt sein, aber eine klare Linie zeigen. Wer glaubwürdig und nachvollziehbar agiert, punktet bei Gästen, Mitarbeitenden und der Michelin-Jury gleichermaßen.
3. Die Neuen 2025: Best Practices
Ein Blick auf die 14 Neuzugänge zeigt, wie facettenreich nachhaltige Gastronomie heute aussehen kann – urban, ländlich, radikal regional oder zeitgeistig vegan. Vier Beispiele stehen exemplarisch für diesen Mix.
Bonvivant (Berlin):
Mit einem rein vegetarisch-veganen Konzept zeigt das Bonvivant, wie sich lockere Bistronomy, Craft-Cocktail-Kultur und durchdachte Nachhaltigkeit verbinden lassen. Hier wird deutlich, dass „grün“ nicht zwingend ländlich und bodenständig bedeutet – auch mitten in der Großstadt können ressourcenschonende Konzepte funktionieren. Das Restaurant zeigt etwa, wie fermentierte Produkte saisonale Lücken schließen und wie abwechslungsreich pflanzenbasierte Küche im Fine-Dining-Kontext sein kann.
Hawara (Freiburg):
Der eigene Garten in St. Georgen ist Herzstück des Konzepts: Obst, Gemüse und Kräuter stammen großteils aus eigenem Anbau. Dazu kommen Bio-Qualität, Naturweine und eine beachtliche kulinarische Präzision – so sehr, dass das Hawara zusätzlich einen klassischen Michelin-Stern trägt. Ein starkes Beispiel dafür, dass regionale Kreisläufe und Spitzenküche sich nicht voneinander ausschließen, sondern gegenseitig beflügeln.
Raro im Mühlenhof (Schriesheim):
„Farm to table“ in Reinform: Ein Michelin-Inspektor schrieb sinngemäß, alles, was hier an Obst und Gemüse auf den Tisch komme, stamme aus der eigenen Landwirtschaft – ein Paradebeispiel. Besonders spannend: Der Betrieb baut sogar Szechuan-Pfeffer selbst an. Ein exotisches Gewürz, das normalerweise um die halbe Welt reisen würde, wächst hier vor der Haustür. Das zeigt, wie kreativ regionale Erzeugung heute interpretiert werden kann.
GLORIE (Hamburg):
Dass Nachhaltigkeit und Produktqualität nicht zwingend ein starres Menü erfordern, beweist GLORIE mit einem bewussten À-la-carte-Ansatz. Was es nicht gibt: Lebensmittelreste in großen Mengen. Was es gibt: Konzentration auf die besten verfügbaren Produkte der Saison. Die Nähe zum Schwesterbetrieb 100/200 Kitchen ermöglicht Synergien – etwa bei Lieferanten und Produkten. Ein Modell, das auch für andere Betriebe interessant sein könnte.
Diese Beispiele stammen aus der offiziellen Liste der „14 neuen Grünen Sterne“, die der Guide Michelin veröffentlicht hat und die online abrufbar ist unter dem Beitrag „14 neue Grüne Sterne bereichern Deutschlands Gastro-Szene“.
4. Synergie statt Verzicht
Nachhaltigkeit bedeutet nicht weniger Genuss – im Gegenteil, viele Grüne Sterne sind kulinarisch an der Spitze. Weltweit tragen über 70 Prozent der ausgezeichneten Betriebe zusätzlich rote Sterne oder den Bib Gourmand. Auch in Deutschland finden sich zahlreiche Doppelauszeichnungen, darunter bekannte Adressen wie Horváth in Berlin oder AURA in Wirsberg.
Wichtig dabei: Der Grüne Stern bevorzugt keine vegetarische oder vegane Küche. Zwar existieren weltweit elf rein pflanzliche Grüne Sterne, doch der Großteil serviert auch Fleisch und Fisch – allerdings bewusst und in hervorragender Qualität. Ein Beispiel: Häuser wie das Landhaus Scherrer (ebenfalls Grün ausgezeichnet) arbeiten mit ganzen Tieren aus der Region und nutzen konsequent Nose-to-Tail.
Für Gastronomen ist das eine gute Nachricht: Nachhaltigkeit wird nicht an eine bestimmte Stilrichtung gekoppelt. Entscheidend ist die konsequente Haltung, nicht die kategorische Einschränkung.
5. Der Business-Case Nachhaltigkeit
Warum der Grüne Stern für viele Betriebe auch wirtschaftlich attraktiv ist, zeigt ein Blick auf Zahlen und Entwicklungen in der Branche. Die Auszeichnungen gehen Hand in Hand mit dem Trend, dass Gäste zunehmend Wert auf transparente Lieferketten und ethische Entscheidungen legen. Für viele Gäste ist der Grüne Stern daher ein verlässliches Vertrauenstool – ähnlich einem Qualitätslabel, aber glaubwürdiger und direkter beurteilt.
Auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnt Nachhaltigkeit an Bedeutung. Gerade junge Talente suchen Arbeitgeber, die Verantwortung übernehmen. Für Küchenchefs, Servicekräfte und Sommeliers spielt Purpose oft eine größere Rolle als reine Reputation. Wer hier punkten kann, verbessert seine Position auf einem umkämpften Arbeitsmarkt.
Und schließlich: Kosten. Nachhaltigkeit bedeutet anfangs oft Investitionen – in effizientere Küchentechnik, in Kooperationen mit lokalen Produzenten oder in die Ausbildung des Teams. Langfristig aber zahlen sich saisonaler Einkauf, geringere Abfallmengen und Einbindung regionaler Erzeuger aus. In vielen Fällen entstehen stabile Partnerschaften, die Betrieben Planungssicherheit geben, gerade in Zeiten schwankender Preise.
Dass sich Nachhaltigkeit auch wirtschaftlich lohnt, zeigt etwa die Analyse in „Guide Michelin 2025: Deutschlands Gastronomie erreicht neuen Sterne-Rekord“ (Markt und Mittelstand).
Fazit / Ausblick
Nachhaltigkeit ist 2025 kein Randthema mehr, sondern Teil des neuen Qualitätsbegriffs in der Spitzengastronomie. Der Grüne Stern macht sichtbar, was viele Betriebe schon lange leben: Verantwortung, Innovation und konsequent saisonale Küche. Die Leitfrage, ob der Grüne Stern ein Marketinglabel sei, lässt sich damit klar beantworten: Er ist ein ernstzunehmendes Signal, dass wirtschaftlicher Erfolg und ökologische Verantwortung heute Hand in Hand gehen.
Für die kommenden Jahre ist zu erwarten, dass die Zahl Grüner Sterne weiter steigt – nicht aus modischen Gründen, sondern weil sich Konzepte nachhaltig bewähren. Wer heute die richtigen Schritte einleitet, ist seinen Mitbewerbern einen entscheidenden Schritt voraus.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Haben Sie Klarheit über Herkunft, Saison und Qualität Ihrer Hauptprodukte?
- Können Sie Abfallquoten reduzieren – etwa durch neue Menüplanung oder bessere Lagerlogistik?
- Ist Nachhaltigkeit bereits Teil Ihrer Kommunikation gegenüber Gästen und Bewerbern?
Wenn Sie hier ansetzen, ist der Weg Richtung Grüner Stern vielleicht näher, als Sie denken.