Mittwoch, 11. Februar 2026 GastroNews – Magazin für Profis
Konzepte & Business

Vom „Laptop-Camper“ zum profitablen Gast: Coworking als Umsatzbooster für die Gastronomie

Remote-Work ist gekommen, um zu bleiben – und viele Berufstätige suchen Orte, an denen sie produktiv arbeiten und sich gleichzeitig wohlfühlen. Für Cafés, Restaurants und Hotels eröffnet das eine überraschend lukrative Chance. Wer WLAN, Strom und eine klare Struktur bietet, kann die berüchtigten „Dauer-Sitzer“ in zahlende Stammgäste verwandeln und so die ruhigen Tageszeiten füllen.

1. Das Büro riecht nach Kaffee

Stellen Sie sich vor, es ist Dienstag, 10 Uhr – zwischen Frühstück und Mittag herrscht im Café eigentlich gähnende Leere. Doch statt unbesetzter Tische sitzen Freelancer, digitale Nomaden oder Angestellte im Remote-Modus konzentriert an ihren Laptops. Wo früher das Klacken der Espressomaschine dominierten, schwebt nun ein leises, produktives „Weißes Rauschen“ durch den Raum.

Laut Auswertungen, die etwa im Umfeld von Ktchnrebel und Gastivo diskutiert werden, könnten bis zu 50 Prozent der Jobs in Deutschland zumindest teilweise remote erledigt werden. Und: Bereits 2022 arbeiteten 24,2 Prozent der Erwerbstätigen regelmäßig von zu Hause – Tendenz steigend. Kein Wunder, dass das Homeoffice für viele an seine Grenzen stößt: Isolation, Ablenkung und der Wunsch nach klarer Trennung zwischen Arbeit und Freizeit lassen den Wunsch nach Alternativen wachsen.

Ein Café bietet das, was die Couch nicht leisten kann: Kontakt zu anderen Menschen, eine angenehme Geräuschkulisse und das Gefühl, „unter Leuten“ zu sein. Deskmag beschreibt diesen Effekt in einem Vergleich zwischen Homeoffice und Café treffend und zitiert Gründer Sam Rosen: „Um mich in deinen Space zu locken, konkurrierst du mit meiner Couch. Du konkurrierst mit dem netten Café nebenan.“ Genau hier entsteht die Chance – wer als Gastronom die Bedürfnisse dieser Gäste ernst nimmt, kann sie gewinnen.

2. Infrastruktur: Mehr als nur WLAN

Coworking im Lokal beginnt nicht beim Kaffee, sondern beim Kabel. Mobile Arbeiter brauchen vor allem eines: Verlässlichkeit.

• WLAN: Es muss stabil, schnell und sicher sein. Ein separates Netzwerk für Coworking-Gäste ist ideal – passwortgeschützt und mit klar definierten Zugängen.

• Strom: Steckdosen sind Gold wert. Community-Tables mit integrierten Leisten oder Bodentanks machen den Unterschied zwischen „Kann ich hier arbeiten?“ und „Ich komme garantiert wieder.“

• Ergonomie: Wer vier Stunden bei Ihnen bleibt, braucht einen Stuhl, der nicht wackelt, und Tische mit ordentlicher Höhe. Vintage-Chic ist schön, aber bitte nicht auf Kosten der Rückenfreundlichkeit.

• Licht: Keine Kerzenromantik am Vormittag – gutes, helles Licht oder ausreichend Tageslicht fördert Konzentration und sorgt für eine professionelle Atmosphäre.

Der Gastronomieausstatter GO IN beschreibt in seinem Leitfaden detailliert, wie Möbel und Raumkonzepte für ein Coworking-Café aussehen können. Der Tenor: Wer gute Arbeitsbedingungen bietet, schafft die Grundlage für längere Aufenthalte – und damit höhere Umsätze.

3. Zonen & Regeln: Konflikte vermeiden

Kaum etwas sorgt im klassischen Cafébetrieb für mehr Frust als der Mix aus Laptop-Gästen und Menschen, die „einfach gemütlich Kaffee trinken möchten“. Die Lösung ist ein kluges Zonenmodell – und eine klare Kommunikation.

Quiet Zone:

Hier wird konzentriert gearbeitet. Keine Telefonate, keine Meetings, kein Lärm. Ideal für Einzeltische oder Nischen mit guten Akustikelementen.

Buzz Zone:

Der Community-Bereich. Wer telefonieren, brainstormen oder sich austauschen möchte, ist hier richtig. Leichte Musik ist in Ordnung – die Atmosphäre soll lebendig, aber nicht chaotisch sein.

Breathe Zone:

Loungebereich, Sofa, kurze Pause. Laptops bleiben zu. Das schafft Raum für Gäste, die ohne Arbeit kommen – und vermeidet Ärger über „überall diese Bildschirme“.

Akustik ist ein weiterer Punkt: Teppiche, Textilien oder Paneele können helfen, den Lärm der Kaffeemaschine zu dämpfen. Plattformen wie Spacebring geben dazu konkrete Tipps und unterstreichen: Ohne Zoning entsteht die größte Reibung zwischen klassischer Gastronomie und Coworking-Gästen.

Wichtig ist auch eine klare zeitliche Vorgabe. Viele Betriebe erlauben Coworking etwa zwischen 9 und 16 Uhr – danach wird der Raum wieder für das Abendgeschäft benötigt. Das hilft sowohl Gästen als auch Personal bei der Planung.

4. Monetarisierung: Vom Kaffee zum Ticket

Ein Gast, der einen ganzen Vormittag bleibt und nur einen Cappuccino bestellt – das kennt fast jeder Betrieb. Die Lösung ist einfach: Coworking braucht ein Bezahlmodell, das fair und transparent ist.

1. Tagestickets / Day Pass

Viele Cafés und Hotels arbeiten mit Tagespässen zwischen etwa 15 und 25 Euro. Enthalten sind oft WLAN, Strom und eine Getränkeflatrate für Filterkaffee oder Wasser. Alternativ funktioniert ein Verzehrguthaben („Die ersten 15 Euro sind im Ticket enthalten“).

2. Mitgliedschaften

Monatliche Pakete bieten Planungssicherheit. Gäste erhalten garantierte Plätze und eventuell Sonderangebote. Für Gastronomen bedeutet das stabile Einnahmen – besonders attraktiv in Nebenzeiten.

3. Mindestverzehr

Eine einfache Regel: „Laptop-Nutzung erst ab 15 Euro Umsatz“. Klar kommuniziert, funktioniert das gut – besonders in Cafés, die nur einzelne Tische für Coworking freigeben möchten.

Zusatzgeschäfte runden das Modell ab: Schließfächer, Druckservice oder die Vermietung eines Meetingraums (falls vorhanden) können zusätzliche Einnahmen bringen. Spacebring und Gastivo betonen gleichermaßen, dass Coworking dann wirtschaftlich wird, wenn es strukturiert und als eigenes Angebot geführt wird – nicht als „wir hoffen, sie bestellen noch etwas“.

Wie ein Gastronom es einmal formulierte: „Früher haben wir die Augen verdreht, wenn jemand den Laptop aufklappte. Heute begrüßen wir ihn, scannen sein Tagesticket und wissen: Dieser Platz bringt heute sicheren Umsatz.“

5. Die Rolle des Personals

Coworking verändert auch den Service. Mitarbeiter werden zu Hosts – eine Mischung aus Kellner, Community-Manager und technischer Stütze.

• Freundliche Begrüßung, kurze Erklärung des Systems („Buzz Zone rechts, Quiet Zone links, WLAN-Passwort auf dem Ticket“).

• Proaktives Angebot kleiner Snacks oder Getränke – ohne aufdringlich zu sein, aber aufmerksam.

• Community-Building: Gäste miteinander ins Gespräch bringen, wenn es passt. Ein kurzer Hinweis wie „Sie beide arbeiten doch im Grafikbereich…“ kann Wunder wirken.

• Technische Basics: Das Team sollte wissen, wie man einen Router neu startet oder wie der Drucker funktioniert.

Christin Siegemund vom Hamburger foodlab bringt es in einem Interview bei Ktchnrebel auf den Punkt: „Es fehlte ein gemeinsamer Ort, an dem es Raum für Austausch gibt und der als Plattform für die Branche dient.“ Genau diese Plattform entsteht durch gut geschultes Personal.

Fazit & Ausblick

Coworking im Lokal ist kein modischer Hype, sondern die logische Antwort auf New Work – und für viele Betriebe ein hochinteressantes Zusatzgeschäft. Wer Infrastruktur, Zonen und Monetarisierung sauber aufsetzt, verwandelt ruhige Stunden in planbare Einnahmen. Gleichzeitig entsteht ein moderner „Third Place“, der neue Zielgruppen anspricht.

Die Nachfrage wird weiter steigen. Je flexibler Arbeitsmodelle werden, desto größer der Bedarf an Orten, die produktives Arbeiten ermöglichen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um sich zu positionieren. Wenn Sie heute prüfen, welche Bereiche Ihres Betriebs sich für Coworking eignen, sind Sie morgen Ihren Mitbewerbern einen Schritt voraus.

Kurz-Check für Ihren Betrieb

• Gibt es eine ruhige, gut beleuchtete Zone mit Steckdosen?

• Reicht die WLAN-Qualität für mehrere parallele Videocalls?

• Können Sie ein faires Bezahlmodell (Ticket, Mindestverzehr, Mitgliedschaft) anbieten?

• Ist Ihr Team auf die Rolle als „Coworking-Host“ vorbereitet?

• Lassen sich Konflikte mit klassischen Gästen durch klare Regeln vermeiden?

(Optionaler Hinweis für die interne Redaktion: Bildideen siehe Research-Dokument.)

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