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Küche & Trends

Insekten auf der Speisekarte: Mutige Nische oder die Proteinquelle der Zukunft?

Grillen-Burger, Mehlwurm-Pasta und Heuschrecken-Crunch – was vor wenigen Jahren noch wie eine Dschungelprüfung klang, ist heute offiziell zugelassenes Lebensmittel. Doch lohnt sich der mutige Sprung für Restaurants und Hotels wirklich? Dieser Artikel zeigt, was rechtlich erlaubt ist, wie Gäste reagieren und ob sich Insekten in der Gastronomie rechnen.

1. Vom Dschungelcamp auf den Teller?

Stellen Sie sich vor: Ein Gast blättert neugierig durch die Speisekarte, stolpert über „Salat mit Grillen-Topping“ – und zückt erst mal das Smartphone. Genau hier liegt der aktuelle Status quo: Insekten haben eine enorme Aufmerksamkeit, aber in den Küchen des DACH-Raums sind sie noch Exoten.

Weltweit sind sie dagegen alles andere als ungewöhnlich. Rund zwei Milliarden Menschen essen regelmäßig Insekten – für sie so normal wie für uns ein Wiener Schnitzel. In Europa hingegen bleibt der Markt klein, wenn auch wachsend: 2023 lag die Produktion essbarer Insekten bei nur rund 800 Tonnen. Für 2025 werden etwa 2.755 Tonnen erwartet – beeindruckend im Wachstum, aber immer noch winzig im Vergleich zu den über 20 Millionen Tonnen Schweinefleisch, die in der EU jährlich erzeugt werden.

Das zeigt: Die mediale Präsenz übersteigt die tatsächliche Marktdurchdringung deutlich. Viele Großhändler führen nur wenige Produkte, und auch im LEH findet man Insekten selten im Regal. Doch als aufmerksamkeitsstarker Impulsfunktionierer – gerade in der Gastronomie – funktionieren sie erstaunlich gut.

2. Die Rechtslage: Was darf serviert werden?

Wer Insekten servieren möchte, muss sich zuerst im Dschungel der EU-Verordnungen zurechtfinden. Insekten gelten als „Novel Food“, also als neuartige Lebensmittel, und dürfen nur nach ausdrücklicher EU-Zulassung verwendet werden. Alles, was nicht geprüft und freigegeben ist, gehört nicht auf den Teller – selbst dann nicht, wenn es im eigenen Garten fröhlich herumkrabbelt.

Aktuell zugelassen sind:

Die Verbraucherzentrale listet diese zugelassenen Arten transparent in ihrem Ratgeber „Insekten als Lebensmittel“ (siehe Link auf verbraucherzentrale.de). Wer also neue Gerichte entwickeln möchte, hat eine solide, aber überschaubare Auswahl.

Wichtig ist: Nur zertifizierte Zuchtware darf verarbeitet werden. Wildfang – sei es aus dem eigenen Garten oder einem exotischen Entdeckerausflug – ist tabu. Die EU lässt hier keinerlei Spielraum.

3. Kennzeichnung & Allergene: Worauf müssen Gastronomen achten?

Transparenz ist Pflicht. Oder anders gesagt: Insekten dürfen nicht als „geheime Zutat“ in der Küche verschwinden. Jede Speise muss klar und verständlich ausweisen, welches Insekt enthalten ist – inklusive lateinischem Namen und Verarbeitungsform. Ein „Burger mit Grillenmehl“ reicht also nicht; korrekt wäre: „Burger mit Hausgrillen-Pulver (Acheta domesticus)“.

Noch entscheidender sind die Allergiehinweise. Insektenpanzer enthalten Chitin, was bei Menschen mit Allergien gegen Krustentiere, Weichtiere oder Hausstaubmilben Kreuzreaktionen auslösen kann. Die AGES und der Lebensmittelverband betonen regelmäßig, wie wichtig ein klarer Hinweis in unmittelbarer Nähe zur Zutatenliste ist.

Oder, wie es Christopher Kruse vom Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks treffend formulierte:

„Sollte ein Bäcker hiervon abweichen wollen und Insektenmehl nutzen, müsste er das gesondert kennzeichnen.“

Für Gastronomen bedeutet das: Einmal sauber ausgezeichnet – und die rechtliche Basis steht stabil.

4. Akzeptanz-Check: Will der Gast das wirklich?

Die alles entscheidende Frage: Sitzt der durchschnittliche Gast bereitwillig vor einem Mehlwurm-Burger? Laut einer YouGov-Umfrage (2025) eher nicht. 83 Prozent der Deutschen haben noch nie Insekten gegessen. 62 Prozent empfinden Ekel, und nur knapp 18 Prozent wären bereit, zumindest einmal zu probieren.

Doch es gibt Lichtblicke. Besonders junge, urbane Gäste – die berüchtigten „Foodies“ – zeigen Neugier, sei es aus Nachhaltigkeitsgründen oder wegen des Reizes, mal etwas völlig Neues auszuprobieren. In vielen Restaurants zeigt sich ein ähnliches Muster: Der Special-Burger mit Grillenmehl wird deutlich häufiger fotografiert als bestellt. Ein Gastronom beschrieb es so:

„Die meisten Gäste fotografieren ihn nur, aber die, die ihn probieren, sind vom nussigen Geschmack überrascht.“

Gastronomisch relevant ist vor allem: Insekten sind kein Volksgericht – aber ein hervorragender Gesprächsanlass. Und das kann, geschickt eingesetzt, zum Marketing-Booster werden.

5. Praxis & Wirtschaftlichkeit: Lohnt sich das?

Insekten lassen sich grundsätzlich auf zwei Wegen in Gerichte integrieren:

1. Sichtbar – für den Showeffekt:

Grillen auf einer Suppe oder ein paar Mehlwürmer auf dem Salat liefern maximalen Showwert. Die Reaktionen reichen von neugierigen Blicken bis zu spontanen Fotoshootings.

2. Unsichtbar – für den Nährwert:

Pulver aus Mehlwürmern oder Grillen kann Burger-Patties, Pasta, Energieriegel oder Brotteige proteinreicher machen. Besonders Mehlwurmpulver mit UV-Behandlung liefert zusätzlich Vitamin D.

Wirtschaftlich betrachtet bleibt Insektenprotein jedoch teuer. Deutlich teurer als Fleisch – und meilenweit über dem Preis von herkömmlichem Mehl. Gründe sind die aufwendige Zucht, hohe Energiekosten und die noch geringe Produktionsskalierung.

Großhändler wie Metro führen inzwischen erste Produkte, zusätzlich bieten spezialisierte Start-ups Direktvertrieb an. Die Verfügbarkeit ist also gegeben – aber keineswegs so breit wie bei klassischen Proteinen.

Unterm Strich gilt: Insekten sind (noch) kein Margenretter. Sie sind ein bewusst gesetztes Highlight – ein Statement.

6. Fazit: Marketing-Hype oder Dauerbrenner?

Insekten sind in Mitteleuropa weiterhin ein Nischenprodukt. Die EU-Zulassungen und neue Entwicklungen wie das UV-Mehlwurmpulver eröffnen zwar spannende Möglichkeiten, doch hohe Preise und kulturelle Vorbehalte bremsen den Massenmarkt aus.

Als Marketing-Tool dagegen funktionieren sie hervorragend: Der „Burger, über den die Stadt spricht“ generiert Aufmerksamkeit, Neugier und Social-Media-Buzz. Wer sich als innovativer, nachhaltiger oder besonders mutiger Betrieb positionieren möchte, kann hier punkten – vorausgesetzt, die Allergikerhinweise sind glasklar umgesetzt.

Und wer weiß? Vielleicht steigt die Akzeptanz in den kommenden Jahren, wenn sich Gäste an die Idee gewöhnen und die Preise durch größere Produktionsmengen sinken. Wer heute erste Erfahrungen sammelt, könnte morgen schon zu den Vorreitern gehören.

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