Mittwoch, 14. Januar 2026 GastroNews – Magazin für Profis
Küche & Trends

Laborfleisch in der Gastro: Futuristischer Hype oder baldige Realität?

Kultiviertes Fleisch erobert weltweit erste Speisekarten – doch in Europa warten wir noch auf den großen Durchbruch. Zwischen politischem Gegenwind, technischen Hürden und großem Marktpotenzial steht die Frage im Raum: Wann landet Laborfleisch tatsächlich in deutschen, österreichischen und Schweizer Küchen? Und lohnt es sich für Gastronomen, den Trend schon jetzt im Blick zu behalten?

1. Science-Fiction oder Speisekarte?

Stellen Sie sich vor, ein Gast blättert durch Ihre Karte und findet neben Wiener Schnitzel und Dry-Aged-Beef plötzlich ein Gericht aus „kultiviertem Rind“. Klingt nach Zukunft? In einigen Teilen der Welt ist das längst Alltag. Singapur hat schon 2020 als erster Staat „Good Meat“-Hühnchen zugelassen. In den USA folgte 2023 das grüne Licht für Upside Foods und Good Meat – zunächst exklusiv in der gehobenen Gastronomie. Und Anfang 2024 erhielt in Israel sogar kultiviertes Rindfleisch von Aleph Farms die Freigabe.

Europa dagegen wirkt noch wie der Nachzügler am Buffet. Zwar erlauben die Niederlande seit Kurzem erste Verkostungen, doch echte Markteinführungen fehlen. Trotzdem steigt der Druck – weltweit arbeiten inzwischen über 170 Unternehmen an kultiviertem Fleisch. Die Branche sieht sich nicht mehr als utopisches Zukunftsprojekt, sondern als realistisches Lebensmittel der kommenden Jahre. Oder wie Mosa-Meat-Gründer Mark Post es sinngemäß formulierte: Vor zehn Jahren war alles nur Vision, heute füllt man Zulassungsanträge aus.

Für Gastronomen bedeutet das: Der Trend ist real, wächst rasant – und könnte schneller auf Ihrer Karte landen, als viele denken.

(Quellen u.a.: Top Agrar, Transgen)

2. Wie funktioniert „Cultivated Meat“?

Wer bei Laborfleisch an Reagenzgläser und Science-Fiction denkt, liegt nur teilweise richtig. Das Grundprinzip ist erstaunlich simpel: Aus einem lebenden Tier werden per kleiner Biopsie Stammzellen entnommen. Diese wandern in einen Bioreaktor – im Grunde ein hochpräziser Gärtank, der an moderne Brauanlagen erinnert. Dort vermehren sich die Zellen in einem nährstoffreichen Medium und entwickeln sich anschließend zu Muskel- oder Fettgewebe weiter.

Weil Fleisch nicht nur aus einzelnen Zellen, sondern aus Struktur besteht, werden häufig Gerüstproteine oder 3D-Drucktechniken eingesetzt. Aktuell sind deshalb vor allem Produkte mit einfacher Textur marktreif: Hackfleisch, Nuggets, Burger-Patties. Ein saftiges Steak? Daran arbeiten die Entwickler – aber komplexe Maserungen sind noch eine Herausforderung, wie auch die Verbraucherzentrale und die Merck Group erklären.

Wichtig für die Praxis: Kultiviertes Fleisch ist kein veganer Ersatz. Es handelt sich biologisch um echtes Fleisch – inklusive möglicher Allergene. Für Küchenchefs bedeutet das klare Kennzeichnung, aber auch vertraute Texturen und Röstaromen, die pflanzliche Alternativen oft nur imitieren können.

3. Die Hürden: Preis, Energie & Ethik

Als 2013 der erste Labor-Burger präsentiert wurde, kostete er stolze 250.000 Euro. Ein PR-Coup – aber ökonomisch völlig absurd. Seitdem hat die Branche enorme Fortschritte gemacht. Laut Marktforschungen und Unternehmensdaten könnte der Preis bis 2030 im Idealfall auf rund 5 Euro pro Kilogramm sinken. Heute liegt er zwar immer noch deutlich über Premiumfleischniveau, aber der Trend zeigt nach unten. Ein wesentlicher Kostentreiber ist das Nährmedium: Branchenstimmen wie die Merck Group schätzen, dass es aktuell bis zu 80 Prozent der Produktionskosten ausmacht.

Und dann ist da noch das „Kälberserum-Problem“. Früher nutzte man fötales Kälberserum (FBS), ein Nebenprodukt der Schlachtung – hochwirksam, aber ethisch heikel und teuer. Moderne Start-ups arbeiten daher an tierfreien Alternativen, etwa pflanzlichen oder synthetischen Medien. Mosa Meat berichtet, bereits vollständig auf solche Lösungen umgestellt zu haben.

Wie sieht es mit der Umweltbilanz aus?

Hier kommt es auf die Energie an. Kultiviertes Fleisch spart laut Studien bis zu 95 Prozent Land und große Mengen Wasser ein – ein Pluspunkt, besonders für Tierwohl- und Ressourcenkommunikation. Der Haken: Die Bioreaktoren müssen konstant warm gehalten werden, was zu einem hohen Strombedarf führt. Der Klimavorteil zeigt sich erst bei Nutzung erneuerbarer Energien. Verbraucher- und Umweltschützer warnen entsprechend, den Begriff „Clean Meat“ nicht zu euphemistisch zu verwenden, solange die Energiebilanz offen ist.

Für Gastronomen bleibt damit ein gemischtes Bild: großes Nachhaltigkeitspotenzial, aber aktuell noch ein Spielball von Energiepreisen und technologischer Entwicklung.

4. Der Kampf um die Zulassung in der EU

In der EU entscheidet die strenge Novel-Food-Verordnung über die Zukunft des kultivierten Fleisches. Der Prüfprozess bei der EFSA dauert mindestens 18 Monate – und beginnt erst, wenn ein Antrag vollständig eingereicht wurde.

Genau das passiert gerade: Mosa Meat hat Anfang 2025 die Zulassung für Rinderfett und -fleisch beantragt. Das französische Start-up Gourmey will kultivierte Foie Gras auf legale Weise auf europäische Teller bringen. Die Signale stehen also auf Bewegung, auch wenn die Markteinführung frühestens 2026/27 realistisch erscheint.

Parallel wächst jedoch der politische Widerstand. Italien und Ungarn haben Herstellung und Verkauf von Laborfleisch vollständig verboten – als Schutz „kulinarischer Tradition“. Ähnlich sieht es in einigen US-Bundesstaaten aus, darunter Florida, Texas und Alabama. Kritiker aus der Politik sprechen von „künstlichem Essen aus dem Bioreaktor“, das die Landwirtschaft untergrabe und kulturelle Identität bedrohe.

Für die DACH-Gastro bedeutet das: In Deutschland, Österreich und der Schweiz könnten Sie zu den ersten europäischen Regionen gehören, die kultiviertes Fleisch anbieten dürfen. Aber nur, wenn die EU-Kommission grünes Licht gibt – und politische Debatten nicht erneut dazwischenfunken.

5. Akzeptanz beim Gast: „Igitt“ oder „Genial“?

Würde Ihr Publikum Laborfleisch bestellen? Die Antwort lautet: Es kommt darauf an, wie Sie es präsentieren. Studien und Verbraucheranalysen zeigen, dass die Zielgruppe weniger bei Veganern liegt – die möchten meist gar kein Fleisch essen –, sondern bei Flexitariern und ethisch orientierten Fleischliebhabern.

Transparenz ist der Schlüssel. Auf der Karte muss klar stehen, was serviert wird: „kultiviertes“, „zellkultiviertes“ oder „cultivated“ Fleisch. Offenheit schafft Vertrauen. Und viele Gäste schätzen Vorteile wie geringere Keimbelastung oder den Wegfall von Antibiotika in der Tierhaltung. Auch wenn Nährmedien in frühen Entwicklungsphasen noch minimale Antibiotikamengen enthalten können, werden sie nach Angaben der Verbraucherzentrale zunehmend ersetzt oder herausgeprüft.

Erfahrungen aus den USA zeigen: Je hochwertiger das gastronomische Umfeld, desto größer die Offenheit. Ein Fine-Dining-Restaurant in einer Großstadt kann oft leichter experimentieren als ein Landgasthof mit Stammkundschaft. Entscheidend bleibt jedoch: Wer Sicherheit, Qualität und Geschmack überzeugend kommuniziert, hat gute Chancen, auch skeptische Gäste mitzunehmen.

Fazit / Ausblick

Kultiviertes Fleisch ist keine ferne Vision mehr, sondern ein global wachsender Markt mit enormem Potenzial. Für die DACH-Gastronomie könnte es in wenigen Jahren Realität werden – vorausgesetzt, die EU zieht nach und gibt erste Produkte frei. Technologische Fortschritte senken die Preise stetig, während die Energiefrage und die politische Debatte weiterhin bremsen.

Die wichtigste Botschaft: Beobachten Sie den Markt jetzt. Wer früh versteht, wie sich Laborfleisch in Küche, Kommunikation und Kalkulation einfügt, hat später klare Vorteile. Und wenn die Zulassung tatsächlich ab 2026 oder 2027 erfolgt, könnten Sie zu den ersten Betrieben gehören, die echtes Fleisch ohne Tierhaltung anbieten.

Wenn Sie heute beginnen, sich mit Novel-Food-Regeln und Gästeakzeptanz vertraut zu machen, sind Sie Ihrer Konkurrenz morgen einen Schritt voraus.

Kurz-Check für Ihren Betrieb

Hinweis: Bildideen aus dem Research-Dokument können für die redaktionelle Umsetzung übernommen werden.

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