# Frauenpower in der Profiküche: Warum die Zukunft weiblicher wird (und werden muss)
## 1. Status Quo: Die ernüchternden Zahlen
Stellen Sie sich vor, Sie blättern durch die frisch veröffentlichten Sterne des Jahres – und es ist wie Déjà-vu. Männer, Männer, Männer. Wieder einmal. Tatsächlich sieht die Realität ernüchternd aus: In Deutschland sind von 341 ausgezeichneten Köchinnen und Köchen nur rund 14 Frauen vertreten. Das entspricht weniger als vier Prozent.
Auch in Österreich ist das Bild ähnlich: Unter 82 prämierten Betrieben steht gerade einmal bei drei eine Frau am Herd. Und selbst bei der jüngsten Vergabe gab es in Deutschland lediglich eine neue Sterneköchin: Cornelia Fischer.
Diese Zahlen stammen aus Analysen von Fachmedien wie dem *Stern* und dem *Standard* und zeigen ein klares Muster: Frauen sind in den Restaurantküchen durchaus präsent – nur eben selten in Spitzenpositionen. Für Gastronominnen und Gastronomen stellt sich damit die Frage: Was blockiert hier eigentlich?
## 2. Das Paradoxon: Kochen als „Männersache“?
Es klingt fast absurd: Privatküchen gelten traditionell als Territorium von Frauen, während professionelle Küchen – dort, wo Renommee und wirtschaftliche Power im Spiel sind – seit Jahrzehnten von Männern dominiert werden.
Laut einer Analyse des *Standard* arbeiten Frauen in vielen Restaurants durchaus am Herd, oft aber in Rollen, die weniger sichtbar sind: Patisserie, kalte Küche, Posten ohne direkten Kontakt zum Pass. Die Chefrolle dagegen übernehmen weiterhin überwiegend Männer.
Dieses Muster ist kein Zufall. Die Profiküche wurde historisch als Ort körperlicher Härte, Hierarchie und Prestige wahrgenommen – und damit als klassisch männlich konnotierter Raum. Ein Rollenbild, das sich über Jahrzehnte selbst verstärkt hat.
Für die Praxis heißt das: Wer heute ein modernes Employer Branding aufbauen möchte, muss diese alten Strukturen hinterfragen. Denn der Nachwuchs – weiblich wie männlich – orientiert sich längst stärker an Arbeitskultur und Entwicklungsmöglichkeiten als an Hierarchien vergangener Zeiten.
## 3. Hürdenlauf: Familie, Tonfall und Sexismus
Es gibt gute Gründe, warum viele Frauen die Spitzenküche frühzeitig verlassen. Der wichtigste: die Vereinbarkeit mit dem Privatleben. Teildienst, lange Abende, Wochenendarbeit – die klassische Gastro-Arbeitszeit ist ein Albtraum für Familienmodelle. Und Care-Arbeit wird, das wissen wir alle, immer noch überwiegend von Frauen getragen.
Der 3-Sterne-Koch Kevin Fehling bringt es im *Stern*-Interview auf den Punkt: „Frauen entscheiden sich für Familie und Kinder – und die Gastronomie ist sehr arbeitsunfreundlich wegen der Arbeitszeiten.“
Dazu kommt ein rauer Ton, der bis vor wenigen Jahren fast schon als Qualitätsmerkmal galt. Wer in der Branche arbeitet, kennt Bilder von militärisch geführten Brigaden, in denen Kritik im Imperativ kommt und emotionale Robustheit selbstverständlich sein soll. Für viele Frauen – und für viele Männer übrigens ebenfalls – ist das wenig attraktiv.
Und dann sind da noch die Netzwerke. Männer fördern oft Männer; informelle Seilschaften entscheiden über Aufstieg, Posten und Chancen.
Für Betriebe bedeutet das: Strukturelle Hürden lassen sich ändern – und bringen handfeste Vorteile. Flexible Arbeitszeiten (etwa die viel diskutierte 4-Tage-Woche), transparente Karrierewege und ein respektvoller Umgangston ziehen heute nicht nur mehr Frauen an, sondern auch eine neue Generation an Fachkräften insgesamt.
## 4. Der Wandel: Warum Frauen der Küche gut tun
Dass Frauen der Küche gut tun, sagen nicht nur Wissenschaftlerinnen oder HR-Expertinnen – sondern auch männliche Spitzenköche. Kevin Fehling etwa betont, dass er Frauen in manchen Situationen sogar vorzieht: „Sie sind disziplinierter und bringen mehr Ruhe herein.“
Der 2-Sterne-Koch Christoph Kunz sieht es ähnlich: „Frauenpower gehört mehr an den Herd. Frauen kochen subtiler und schöner.“
Was dahinter steckt, ist kein romantisierendes Rollenbild, sondern gelebte Praxiserfahrung. Gemischte Teams arbeiten ruhiger, kommunikativer und lösungsorientierter – genau jene Eigenschaften, die moderne Küchenstrukturen heute brauchen.
HR-Expertinnen beobachten diesen Effekt seit Jahren: Diversität ist ein Performance-Faktor. Teams, die aus mehreren Perspektiven heraus entscheiden, entwickeln bessere Konzepte, reagieren flexibler in stressigen Situationen und schaffen ein deutlich angenehmeres Arbeitsklima.
Für Gastronominnen und Gastronomen, die im Wettbewerb um Nachwuchs stehen, ist das ein strategischer Vorteil: Gemischte Teams sind attraktiver, stabiler und oft produktiver.
## 5. Vorbilder: Diese Frauen rocken die Szene
Zum Glück gibt es sie längst: Frauen, die die deutsche Gastronomie prägen – inhaltlich, handwerklich und stilistisch.
Ganz vorne: die 2-Sterne-Köchinnen.
Julia Anna Leitner vom Berliner CODA hebt die Dessertküche auf ein Niveau, das weltweit Beachtung findet – avantgardistisch, mutig, technisch brillant. Douce Steiner im Hirschen in Sulzburg gilt als Grand Dame der deutschen Hochküche, tief verwurzelt in klassischer französischer Handwerkskunst. Rosina Ostler im Alois in München steht für eine moderne Fine-Dining-Küche mit klarer Handschrift.
Dazu kommen die Aufsteigerinnen, deren Konzepte zeigen, wie vielfältig die neue Generation denkt:
- Cornelia Fischer, jüngst neu ausgezeichnet, verbindet ihre fränkische Herkunft mit einem extrem hohen technischen Anspruch.
- Viktoria Fuchs führt den traditionsreichen Spielweg und kombiniert Wild aus eigener Jagd mit asiatischen Noten – ein Beispiel dafür, wie Betriebe durch weibliche Führung modernisiert werden können.
- Julia Komp, die nach ihrer Weltreise mit dem Sahila in Köln durchgestartet ist, sagt selbstbewusst: „Es gibt bereits viele Frauen in der Branche, die im Hintergrund wirken – diese werden in den nächsten Jahren sichtbarer werden.“
- Sigi Schelling wiederum zeigt im Werneckhof, wie klassisches Handwerk und moderne Aromatik zueinanderfinden.
Eine umfangreiche Übersicht bietet *Der Feinschmecker* unter dem Link „[Die besten Köchinnen Deutschlands](https://www.feinschmecker.de/geniessen/beste-koechinnen-deutschlands)“. Wer Nachwuchstalente sucht, findet zudem auf Portalen wie *female-chefs.com* weitere spannende Namen.
## Fazit & Ausblick: Mut zur Veränderung
Der Mangel an Frauen in der Spitzengastronomie ist kein Talentproblem – es ist ein Strukturproblem. Wer heute seine Küche modernisieren will, kommt um Vielfalt nicht herum. Denn gemischte Teams arbeiten ruhiger, produktiver und innovativer.
Die gute Nachricht: Der Wandel hat begonnen. Immer mehr Betriebe testen neue Arbeitszeitmodelle, setzen auf Coaching-Kultur und öffnen Führungspositionen für Frauen. Gleichzeitig treten erfolgreiche Köchinnen sichtbarer denn je auf – und bieten dem Nachwuchs dringend benötigte Vorbilder.
Wenn Sie jetzt über Ihre Strukturen nachdenken, Ihre Dienstpläne überarbeiten oder aktiv nach weiblichen Führungskräften suchen, sind Sie Ihrer Konkurrenz bereits einen Schritt voraus.
### Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Haben Sie flexible Arbeitszeitmodelle, die auch für Eltern realistisch sind?
- Fördern Sie Frauen aktiv in Führungspositionen, statt auf „natürliche Entwicklung“ zu warten?
- Ist der Umgangston in Ihrer Küche wirklich zeitgemäß?
- Nutzen Sie diverse Teams als Employer-Branding-Argument?
- Haben Sie Vorbilder im Team – oder machen Sie externe Vorbilder sichtbar?
Management & Recht
Frauenpower in der Profiküche: Warum die Zukunft weiblicher wird (und werden muss)
In den meisten Spitzenküchen riecht es nach Estragon, Leidenschaft – und Traditionen, die erstaunlich hartnäckig sind. Während überall über Fachkräftemangel geklagt wird, bleibt ein riesiger Talentpool weitgehend ungenutzt: Frauen in Führungspositionen am Herd. Der Anteil liegt im Sternebereich weiterhin unter fünf Prozent. Zeit für einen Blick darauf, warum das so ist – und warum Veränderung längst im Gange ist.