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Management & Recht

4-Tage-Woche in der Gastronomie: Gamechanger gegen den Fachkräftemangel?

In kaum einer Branche ist die Arbeitsbelastung so spürbar wie in Küche und Service. Gleichzeitig ringt die Gastronomie seit Jahren mit akutem Fachkräftemangel. Die 4-Tage-Woche wird daher immer öfter als möglicher Ausweg diskutiert – und einige Betriebe haben sie bereits eingeführt. Was bringt das Modell wirklich, und wie lässt es sich im Arbeitsalltag umsetzen?

4-Tage-Woche in der Gastronomie: Gamechanger gegen den Fachkräftemangel?

TL;DR

Teaser / Vorspann:

In kaum einer Branche ist die Arbeitsbelastung so spürbar wie in Küche und Service. Gleichzeitig ringt die Gastronomie seit Jahren mit akutem Fachkräftemangel. Die 4-Tage-Woche wird daher immer öfter als möglicher Ausweg diskutiert – und einige Betriebe haben sie bereits eingeführt. Was bringt das Modell wirklich, und wie lässt es sich im Arbeitsalltag umsetzen?

1. Mehr als nur ein Buzzword

Stellen Sie sich vor, Ihr Team hat nicht nur zwei, sondern drei Tage am Stück frei – und kommt anschließend ausgeruht, motiviert und mit neuem Elan zurück in den Betrieb. Klingt nach Wunschdenken? In vielen Restaurants und Hotels eher nach purer Notwendigkeit. Denn kaum eine Branche verliert so viele Fachkräfte an Berufe mit geregelten Zeiten, freien Wochenenden und vorhersehbaren Dienstplänen.

„New Work“ war in der Gastro lange ein Fremdwort. Doch spätestens seit Corona hat sich die Arbeitswelt verschoben. Wer Talente halten will, muss attraktive Modelle bieten – und dazu gehört für viele Bewerber inzwischen die 4-Tage-Woche. Während Befürworter sie als Rettungsanker feiern, halten andere sie in einer serviceintensiven Branche für kaum realisierbar.

Doch die Realität zeigt: Einige Betriebe gehen bereits mutig voran und erzielen bemerkenswerte Ergebnisse.

2. Die Modelle: Wie geht das operativ?

Bevor Sie den Dienstplan komplett auf links drehen, lohnt ein nüchterner Blick auf die verschiedenen Varianten. Denn 4-Tage-Woche ist nicht gleich 4-Tage-Woche.

Modell A: Komprimierung der Stunden

Hier bleibt die Wochenarbeitszeit gleich – häufig 38 bis 40 Stunden –, wird aber auf vier Tage verteilt. Das bedeutet Schichten von bis zu 9,5 oder 10 Stunden. Die Belohnung: drei zusammenhängende freie Tage. Für viele Teams ein echter Gewinn, für andere körperlich eine Herausforderung.

Modell B: Stundenreduktion bei vollem Lohnausgleich

32 oder 36 Stunden pro Woche, gleiche Bezahlung wie vorher. Für Mitarbeitende extrem attraktiv, für Arbeitgeber kostspielig. Dennoch wählen manche Betriebe diesen Weg, um im „War for Talents“ sichtbar zu bleiben und die Fluktuation zu senken.

Modell C: Flexi-Wahl – das hybride Modell

Besonders spannend: Wahlmodelle, wie sie etwa die 25hours Hotels eingeführt haben. Mitarbeitende entscheiden selbst, ob sie fünf kürzere oder vier längere Tage arbeiten wollen. Das steigert Akzeptanz und Fairness – und erleichtert die Einsatzplanung.

Wichtig: Die Öffnungszeiten müssen nicht zwangsläufig schrumpfen. Mit cleverer A-/B-Schichtplanung oder rotierenden Teams lassen sich viele Zeiträume wie gewohnt abdecken.

Ein Hinweis zur Rechtslage (Deutschland): Laut Arbeitszeitgesetz § 3 darf die tägliche Arbeitszeit acht Stunden nicht überschreiten, kann aber auf bis zu zehn Stunden verlängert werden – sofern innerhalb von sechs Monaten ein Ausgleich erfolgt. Die 4-Tage-Woche ist also möglich, erfordert jedoch saubere Planung. Der Hinweis ersetzt keine Rechtsberatung.

3. Praxis-Check: Erfahrungen der Vorreiter

Ein Blick auf die Vorreiter zeigt, wie viel Potenzial in dem Modell steckt – aber auch, wo die Grenzen sind.

25hours Hotels: Das prominenteste Beispiel im deutschsprachigen Raum

2022 führte die Hotelgruppe in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein Wahlmodell ein: vier Tage, jeweils neun Stunden für operative Teammitglieder. Die Pilotphase in Hamburg sorgte für Aufsehen. Laut einem Bericht im Gastgewerbe Magazin stieg die Zahl der Bewerbungen um das 200-Fache.

Kathrin Gollubits, VP People & Culture, fasst die Ergebnisse so zusammen:

„Wir sind mit den Ergebnissen unseres Piloten in Hamburg mehr als zufrieden: Wir konnten knapp 80 Prozent unseres Teams für eine Teilnahme begeistern und sehen ausgeglichenere und produktivere Kollegen.“

Auch Frank Beiler, General Manager in München, beobachtet klare Veränderungen:

„Seitdem sind unsere Mitarbeitenden ausgeglichener und produktiver. Die Anzahl der Bewerbungen ist gestiegen, während die Personalabgänge gesunken sind.“

Shake Shack (USA): Ein Blick in die Systemgastronomie

In den USA testet Shake Shack die 4-Tage-Woche für Filialmanager, um Burnout zu verhindern. Das Modell dient vor allem als präventive Maßnahme gegen Überlastung – ein Ansatz, der auch hierzulande Diskussionen anstößt. (Bericht bei Ktchnrebel)

Restaurant Bloom (Winterthur): Das Schweizer Experiment

In der Schweiz arbeitete ein Team vier Tage lang je 10,5 Stunden. Die Belastung war hoch – doch der zusätzliche freie Tag wurde geschätzt. Die rechtlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich allerdings stark vom deutschen Arbeitszeitgesetz, was für DACH-Planungen unbedingt berücksichtigt werden muss. (Tages-Anzeiger)

Was zeigen die Beispiele? Die 4-Tage-Woche kann funktionieren – besonders dort, wo Teams früh einbezogen und Arbeitsabläufe konsequent angepasst werden.

4. Die Vorteile: Warum sich der Aufwand lohnt

Viele Betriebe starten das Modell aus purer Not. Doch einmal eingeführt, zeigt sich: Die 4-Tage-Woche bringt Vorteile, die weit über die reine Arbeitszeit hinausgehen.

1. Arbeitgeberattraktivität steigt spürbar

Im Stellenmarkt sticht jede Anzeige heraus, die „4-Tage-Woche“ verspricht. Das spart Recruitingkosten und erhöht die Chance, überhaupt qualifizierte Bewerbungen zu erhalten.

2. Höhere Produktivität durch Fokus

Studien im Kontext von New Work – etwa aus dem Umfeld der Fraunhofer-Forschung – zeigen, dass Menschen in kürzerer Zeit oft produktiver arbeiten. Das Parkinsonsche Gesetz („Arbeit dehnt sich in dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht“) lässt grüßen.

3. Mehr Erholung, bessere Gesundheit

Drei freie Tage ermöglichen echten Abstand vom „Knochenjob“ – ein Vorteil, den Mitarbeitende besonders in Küche und Service zu schätzen wissen. Weniger Erschöpfung bedeutet auch weniger Krankheitsfälle.

4. Weniger Fluktuation, geringere Kosten

Fluktuation ist teuer: Recruiting, Onboarding, Einarbeitung – all das kostet Zeit und Geld. Wenn das Team bleibt, amortisieren sich höhere Lohnkosten oft schneller, als viele erwarten.

5. Die Hürden: Wo es knirscht

Begeisterung ist gut, Realismus besser. Die 4-Tage-Woche bringt auch klare Risiken mit.

Arbeitsrechtliche Grenzen

In Deutschland bleiben zehn Stunden pro Tag die absolute Obergrenze – inklusive Pausen oft 11 Stunden Anwesenheit. In der Hochsaison kann das eng werden.

Personaldecke und Kosten

Wer Stunden reduziert, braucht in der Regel mehr Personal. Manchmal 10 bis 20 Prozent mehr. Für kleine Betriebe ist das eine enorme Hürde.

Hohe Belastung an den Arbeitstagen

Ein Küchenchef brachte es im Gespräch mit unserer Redaktion so auf den Punkt:

„Vier Tage Vollgas in der Küche sind härter als fünf Tage Normalbetrieb. Man muss aufpassen, dass man die Leute nicht an den Arbeitstagen verheizt.“

Das Risiko ist real – besonders bei körperlich fordernden Tätigkeiten.

Fairness zwischen Bereichen

Was tun, wenn das Küchenteam eine 4-Tage-Woche will, die Servicetruppe aber den klassischen Rhythmus bevorzugt? Uneinheitliche Modelle verursachen Spannungen, wenn sie nicht sauber moderiert werden.

Planungskomplexität

Gerade in kleineren Betrieben wird der Dienstplan schnell zum Tetris-Spiel. Was, wenn jemand krank wird? Was, wenn ein Event dazwischenkommt? Ohne klare Vertretungsregeln kann das Konzept schnell bröckeln.

Fazit / Ausblick

Ist die 4-Tage-Woche ein realistisches Modell für die Gastronomie? Die Antwort lautet: Ja, aber nicht für jeden Betrieb und nicht ohne sorgfältige Vorbereitung. Die Vorteile in Recruiting, Mitarbeiterbindung und Motivation sind nachweislich groß – das zeigen Beispiele wie die 25hours Hotels oder internationale Tests. Gleichzeitig müssen Arbeitsrecht, Belastbarkeit und betriebliche Abläufe exakt berücksichtigt werden.

In den kommenden Jahren dürfte das Modell weiter an Bedeutung gewinnen. Je mehr Branchen ähnliche Arbeitszeitmodelle anbieten, desto eher wird die Gastronomie nachziehen müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Wer früh experimentiert, sammelt wertvolle Erfahrungen – und verschafft sich Vorteile im Wettbewerb um Talente.

Wenn Sie jetzt beginnen, die Bedürfnisse Ihres Teams zu analysieren und erste Testläufe zu planen, sind Sie Ihrer Konkurrenz bereits einen Schritt voraus.

Kurz-Check für Ihren Betrieb

(Dieses Modell ersetzt keine Rechtsberatung – insbesondere bei der Auslegung des Arbeitszeitgesetzes in DE, AT und CH.)

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