Freitag, 30. Januar 2026 GastroNews – Magazin für Profis
Nachhaltigkeit

Vom Dach auf den Teller: Lohnt sich der Eigenanbau für die Gastronomie?

Gärten auf dem Hoteldach, Salatregale im Gastraum oder Aquaponik-Anlagen im Hinterhof – Urban Farming ist in der Gastronomie längst kein exotischer Trend mehr. Gäste lieben die Idee der „Null-Kilometer“-Küche, doch hinter dem frischen Grün steckt mehr als ein hübsches Bild. Wann Eigenanbau wirklich Sinn ergibt – und wann besser nicht.

1. Der kürzeste Lieferweg der Welt

Stellen Sie sich vor, der Koch geht morgens nicht zur Kühlkammer, sondern drei Stockwerke nach oben. Auf dem Dach warten Hochbeete mit Salat, Kräutern und essbaren Blüten – bereit für den Service am Abend. Dieses Bild wird in immer mehr Betrieben Realität. Der Trend zur sogenannten Hyper-Local-Küche überschreitet das klassische Verständnis von Regionalität: näher als „aus der Region“ ist nur noch „aus dem eigenen Haus“.

Doch wir reden hier nicht vom obligatorischen Schnittlauchtopf auf der Fensterbank. Urban Farming meint die systematische Einbindung von Pflanzenproduktion in den Betrieb – mit Erträgen, die tatsächlich den Wareneinsatz beeinflussen. Hotels, Restaurants und sogar Cafés experimentieren zunehmend mit eigenen Anbauflächen, weil Transparenz und Nachhaltigkeit für Gäste immer stärker zu Qualitätskriterien werden. Und weil eine frische Handvoll Basilikum direkt vor den Augen des Gastes eben etwas Besonderes ist.

2. Von Low-Tech bis High-Tech: Die Systeme

Eigenanbau kann viele Gesichter haben – vom simplen Hochbeet bis zur High-Tech-Farm im Gastraum. Drei Systeme stehen dabei besonders im Fokus.

Klassisch: Dachgärten und Hochbeete

Wer Außenflächen hat, hat einen Vorteil: Flachdächer, Innenhöfe oder Terrassen eignen sich hervorragend für den Eigenanbau. Hochbeete sind dabei besonders beliebt. Sie liefern mehr Ertrag als Bodenbeete, sind ergonomischer und lassen sich relativ leicht bewirtschaften.

Dass Dachfarmen skalierbar sind, zeigt ein prominentes Beispiel: Die größte Dachfarm der Welt in Paris produziert in der Hochsaison rund 1.000 Kilogramm Obst und Gemüse pro Tag. Das ist zwar eine andere Dimension als der Kräutergarten eines Hotels, verdeutlicht aber das Potenzial urbaner Flächen – selbst mitten in einer Großstadt.

Hydroponik: Erde? Nicht nötig.

Für alle ohne Außenbereich wird’s technisch: Hydroponik setzt auf Pflanzen, die in Wasser und Nährlösung wurzeln – ganz ohne Erde. Das spart Platz, ist sauber und in Innenräumen deutlich leichter hygienisch umzusetzen. Ein entscheidender Vorteil: Bis zu 90 Prozent weniger Wasserverbrauch im Vergleich zur klassischen Landwirtschaft, wie etwa Berichte von Quarks oder SEAWATER Cubes aufzeigen.

Viele Betriebe setzen Hydroponik als Vertical Farming um: Regalsysteme mit LED-Beleuchtung, die eine ganzjährige Produktion ermöglichen und die Fläche extrem effizient nutzen. Perfekt für Microgreens, Basilikum, Minze – also Produkte mit hohem Wareneinsatz-Wert.

Und: Ein solches Vertical-Farm-Regal im Gastraum wird schnell zum Show-Element. Wie ein Gastronom es beschreibt: „Für uns ist der Kräuterschrank im Gastraum nicht nur Deko. Wenn der Gast sieht, wie sein Salat geschnitten wird, schmeckt er die Frische schon vor dem ersten Bissen.“

Aquaponik: Fisch + Gemüse im Kreislauf

Noch einen Schritt weiter geht Aquaponik. Hier werden Pflanzen und Fische in einem geschlossenen Kreislauf kultiviert: Die Ausscheidungen der Fische düngen die Pflanzen, diese reinigen wiederum das Wasser. Systeme wie jene von SEAWATER Cubes zeigen, dass sich so Zander, Barsch & Co. mit frischen Kräutern kombinieren lassen – mitten in der Stadt.

Betreiber solcher Anlagen formulieren es gerne so: „Fisch und Gemüse in einem geschlossenen Kreislauf mitten in der Stadt zu züchten, löst das Problem der Überfischung und der langen Transportwege gleichzeitig.“ Für gastronomische Betriebe ist Aquaponik allerdings komplexer und wartungsintensiver – dafür aber ein echter USP.

3. Qualität & Image: Warum Gäste es lieben

Ob Microgreens aus dem Regal oder Salat vom Dach: Der geschmackliche Vorteil ist kaum zu übersehen. Keine Transportwege bedeuten weniger Vitaminverlust und die Möglichkeit, im perfekten Reifestadium zu ernten – ein Luxus, den kaum ein Lieferant bieten kann.

Zudem schafft Eigenanbau ein Qualitätsversprechen, das sich schwer kopieren lässt. Wenn Gäste die Pflanzen im Gastraum sehen oder auf der Terrasse den Duft der Hochbeete erleben, entsteht eine authentische Transparenz, die heute Gold wert ist. Gerade in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit oft hinter Marketingfloskeln verschwindet, wirkt echte Hyper-Local-Produktion glaubwürdig.

Und nicht zuletzt ist Eigenanbau ein hervorragendes Storytelling-Element. Begriffe wie „Zero Kilometer“, „aus dem eigenen Garten“ oder „heute Morgen geerntet“ gehören zu den stärksten Argumenten, um höhere Preise nachvollziehbar zu machen – insbesondere in der gehobenen Gastronomie.

4. Die Kehrseite: Kosten, Energie & Aufwand

So charmant Urban Farming ist, so realistisch sollten Gastronomen kalkulieren – vor allem bei Indoor-Systemen.

Energie: LED-Licht frisst Strom

Vertical-Farming-Anlagen benötigen konstantes LED-Licht, Pumpen und oft Klimatisierung. Wenn diese Energie nicht aus erneuerbaren Quellen stammt, kann der CO₂-Fußabdruck sogar schlechter sein als bei Importware. Genau darauf weisen unter anderem Analysen von Quarks hin.

In den letzten Jahren haben steigende Strompreise das Indoor-Farming vieler Start-ups erschwert. Für Gastronomiebetriebe bedeutet das: Nur wer den Stromverbrauch klar einkalkuliert, erlebt keine böse Überraschung.

Personal: Pflanzen brauchen Betreuung

Pflanzen kennen keinen Ruhetag. Wer selbst anbaut, muss gießen, pflegen, kontrollieren – und das zuverlässig. Die Aufgaben lassen sich mit gastronomischem Alltag durchaus verbinden, gehören aber in den Dienstplan. Manche Betriebe lösen es mit einem Mitarbeiter, der „grünen Daumen“ und Gastroerfahrung kombiniert; andere arbeiten mit externen Gärtnern.

Platz und Investition

In urbanen Lagen ist jeder Quadratmeter teuer. Indoor-Farm-Schränke, hydroponische Regalsysteme oder Aquaponikanlagen benötigen nicht nur Anschaffungskosten, sondern auch Fläche – und die fehlt oft im Alltag. Mietmodelle vieler Start-ups können den Einstieg erleichtern, aber auch hier gilt: Die Kosten müssen über Einsparungen oder höhere Preise wieder hereinkommen.

5. Praxis-Check: Wann lohnt es sich?

Nicht jedes System passt zu jedem Betrieb. Eine Orientierung:

Hydroponik: Für urbane Konzepte ohne Außenfläche

Ideal für:

Hydroponik ersetzt zwar nicht den gesamten Wareneinsatz, kann aber die Qualität der besonders sensiblen Zutaten massiv steigern.

Dachgarten oder Hochbeete: Für Hotels und Landgasthöfe

Wer Dachflächen oder Gärten hat, kann mit vergleichsweise geringem Aufwand gute Erträge erzielen. Besonders Hotelküchen profitieren, weil sie saisonale Schwankungen gut planen und mehrere Mahlzeiten am Tag bespielen.

Kooperationen: Die unterschätzte Alternative

Nicht jeder muss selbst gärtnern. Für viele Betriebe ist eine Kooperation sinnvoller – mit Urban-Farming-Start-ups in der Nachbarschaft oder über Modelle wie Mietäcker und Selbsternteflächen (Infos etwa beim BZfE). Das ermöglicht authentische Geschichten und regionale Qualitäten ohne eigenen Anbaustress.

Fazit & Ausblick

Eigenanbau ist weder ein reiner Marketing-Gag noch die Lösung aller Probleme. Richtig eingesetzt, stärkt er Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit und Produktqualität – besonders bei Kräutern und frischem Grün. Doch Energiekosten, Personalaufwand und Platz müssen realistisch kalkuliert werden, damit das Grün nicht zur roten Zahl wird.

In den nächsten Jahren wird Urban Farming weiter wachsen. Steigende Urbanisierung und der Wunsch nach Transparenz sprechen dafür, dass Hyper-Local-Konzepte zum festen Bestandteil vieler Gastronomien werden. Wer jetzt Erfahrungen sammelt, sich klein herantastet und das passende System für den eigenen Betrieb findet, hat einen klaren Vorteil – und serviert Gästen die wohl frischesten Kräuter der Stadt.

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