Quereinsteiger als Chance: So gelingt das Recruiting und Onboarding branchenfremder Talente
TL;DR
- Quereinsteiger als Chance: So gelingt das Recruiting und Onboarding branchenfremder Talente.
- Der Fachkräftemangel bleibt eine der größten Herausforderungen für Gastronomie und Hotellerie.
- Viele Betriebe suchen monatelang vergeblich nach gelernten Kräften - doch oft liegt die…
- Dieser Artikel zeigt, warum Quereinsteiger eine echte Bereicherung sein können, wie Sie sie…
Teaser / Vorspann:
Der Fachkräftemangel bleibt eine der größten Herausforderungen für Gastronomie und Hotellerie. Viele Betriebe suchen monatelang vergeblich nach gelernten Kräften – doch oft liegt die Lösung näher, als man denkt. Dieser Artikel zeigt, warum Quereinsteiger eine echte Bereicherung sein können, wie Sie sie finden, qualifizieren und langfristig binden.
1. Einleitung: Der Blick über den Tellerrand
Stellen Sie sich vor, es ist Freitagabend, das Restaurant ist ausgebucht – und wieder hat sich keine einzige qualifizierte Servicekraft auf Ihre Stellenanzeige gemeldet. Ein Szenario, das viele von Ihnen nur zu gut kennen. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt, die Konkurrenz um Fachkräfte groß. Gleichzeitig gibt es Menschen, die hochmotiviert sind, aber bisher nie daran gedacht haben, in der Gastro zu arbeiten: Quereinsteiger.
Damit gemeint sind Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenssituationen – etwa Verkäuferinnen, Pflegekräfte, Geflüchtete oder Eltern nach einer längeren Familienphase. Sie alle bringen Erfahrungen mit, die auch im Gastgewerbe wertvoll sind: Kommunikationsstärke, Belastbarkeit, Serviceorientierung. Was fehlt, ist vor allem eines: eine Chance.
Die Branche erlebt gerade einen Mindset-Wechsel. Weg vom Wunsch nach dem „fertigen Mitarbeiter“, hin zu Menschen, die noch nicht alles können, aber alles lernen wollen. Oder, wie es ein Gastronomiecoach gerne formuliert: „Hire for attitude, train for skill.“ Wer bereit ist, Zeit in die Einarbeitung zu investieren, gewinnt oft loyale Mitarbeiter – und entschärft den eigenen Personalmangel nachhaltig.
2. Recruiting: Anders suchen, anders ansprechen
Viele Stellenanzeigen in der Gastronomie sprechen immer noch ausschließlich Profis an. Volle Fachwort-Power, hohe Anforderungen, wenig Einblick für Branchenfremde. Doch gerade diese gilt es zu gewinnen.
Setzen Sie deshalb auf eine Sprache, die auch Menschen erreicht, die noch nie in einer Küche oder im Service gearbeitet haben. Statt „Mise en Place“ reicht ein verständliches „Vorbereitung des Arbeitsplatzes“. Statt langer Aufzählungen von Skills, die nur ausgebildete Fachkräfte erfüllen, rücken Sie die Soft Skills in den Mittelpunkt. Freundlichkeit, Teamgeist, Zuverlässigkeit, Lust auf Menschen – vieles davon bringen Quereinsteiger bereits mit.
Ein weiterer Erfolgsfaktor: Machen Sie deutlich, warum die Gastro spannend ist. Für viele Branchenfremde ist es attraktiv, in einem lebendigen Team zu arbeiten, Trinkgeld zu verdienen oder flexible Teilzeitmodelle nutzen zu können. Gerade Eltern oder Wiedereinsteigende achten darauf.
Und überlegen Sie, wen Sie gezielt ansprechen wollen:
- Menschen aus dem Verkauf – sie kennen Kundennähe und Service.
- Mitarbeitende aus der Pflege – Stressresistenz und Empathie inklusive.
- Geflüchtete und Langzeitarbeitslose – oft hochmotiviert, zurück in den Arbeitsmarkt zu kommen.
Nutzen Sie dafür auch Kanäle, die bisher vielleicht nicht auf Ihrer Liste standen: lokale Facebook-Gruppen, Jobcenter-Kooperationen oder persönliche Empfehlungen Ihres Teams. Der Schritt über den Tellerrand lohnt sich.
3. Best Practice: Initiativen wie „Kick-Start“
Wie erfolgreich Quereinsteiger-Modelle funktionieren können, zeigt ein Projekt der DEHOGA Hessen: „Kick-Start“. Die Hessenschau berichtete über das Programm, das Asylbewerbern, Ungelernten und Langzeitarbeitslosen in nur zwei bis drei Monaten die wichtigsten Grundlagen für einen Einstieg in Küche oder Service vermittelt. Praktika gehören ebenso dazu wie Übungen für den Berufsalltag – vom Serviettenfalten über Hygieneregeln bis zum Tischeindecken.
Kerstin Junghans von der DEHOGA Frankfurt/Rhein-Main bringt es auf den Punkt:
„Der Fachkräftemangel macht den Betrieben das Leben schwer, es fehlen Mitarbeiter auf allen Ebenen. ‚Kick-Start‘ ist praxisnah und fördert eine tatsächliche Integration in den Arbeitsmarkt.“
Was hier im Großen funktioniert, lässt sich leicht auf einzelne Betriebe übertragen. Sie müssen keinen Verband im Rücken haben, um eine interne Schulung aufzubauen. Ein zweitägiges „Mini-Bootcamp“ mit klaren Basics kann bereits ausreichen, um Neue gut vorzubereiten – bevor sie das erste Mal am Gast stehen.
Eine Teilnehmerin aus dem Programm formulierte es so:
„Ich bin begeistert. Obwohl ich schon etwas Erfahrung hatte, habe ich viel Neues gelernt. Ich suche einen Job, der sich mit der Kindererziehung vereinbaren lässt.“
Ein Feedback, das zeigt, wie wichtig praxisnahe und kleinteilige Einarbeitung ist.
4. Onboarding: Das A und O für den Erfolg
Der vielleicht entscheidendste Faktor bei Quereinsteigern ist ein strukturiertes Onboarding. Denn die ersten Wochen bestimmen maßgeblich, ob jemand bleibt oder geht.
Ein bewährtes System ist die Patenschaft: Eine feste Bezugsperson begleitet den neuen Mitarbeitenden durch den Alltag, erklärt Abläufe, gibt Rückhalt, beantwortet Fragen. Quereinsteiger profitieren enorm davon, nicht ständig wechselnde Ansprechpartner zu haben. Zudem wird das Team entlastet, weil klar ist, wer sich kümmert.
Eine weitere große Hilfe ist Visualisierung. Fotos von perfekt eingedeckten Tischen, Checklisten in einfacher Sprache oder kurze Erklärvideos auf dem Diensthandy – all das erleichtert den Einstieg enorm. Gerade bei Teammitgliedern mit geringen Deutschkenntnissen wirken Bilder und klare Abläufe Wunder.
Auch eine offene Fehlerkultur ist zentral. Laufwege, die ungeschriebenen Hierarchien in der Küche oder Abläufe im Service erschließen sich nicht von selbst. Planen Sie regelmäßige Feedbackgespräche – vor allem in den ersten vier Wochen. Viele Betriebe berichten, dass ein kurzer Austausch nach Feierabend enorm zur Teamstärkung beiträgt.
Und nicht zu vergessen: Geduld. Die Einarbeitung eines Quereinsteigers kostet am Anfang zwar Zeit, bringt aber langfristig stabile, motivierte Mitarbeiter, die sich im Team wertgeschätzt fühlen.
5. Fördermittel & Rechtliches
Wer Quereinsteiger einstellt, kann oft auf finanzielle Unterstützung zurückgreifen. Die Agentur für Arbeit und die Jobcenter bieten verschiedene Fördermittel an, die den Start erleichtern.
Der Eingliederungszuschuss (EGZ) kann bis zu 50 Prozent des Arbeitsentgelts für bis zu zwölf Monate übernehmen – als Ausgleich für die anfängliche Minderleistung während der Einarbeitung. Die genaue Höhe entscheidet der jeweilige Sachbearbeitende, doch viele Betriebe berichten von positiven Erfahrungen. Informationen finden Sie auf den entsprechenden Seiten der Bundesagentur für Arbeit, etwa über die Suche nach „Eingliederungszuschuss Arbeitgeber“.
Auch Bildungsgutscheine sind möglich: Sie decken Kosten für Weiterbildungen ab, etwa für Kurse nach dem Vorbild von „Kick-Start“. Das Jobcenter unterstützt zudem bei der Auswahl geeigneter Kandidatinnen und Kandidaten. Der Arbeitgeber-Service wirbt mit einer Rückmeldung innerhalb von 48 Stunden – eine Geschwindigkeit, die in Zeiten knapper Ressourcen Gold wert ist.
Fördermittel ersetzen zwar keine gute Einarbeitung, schaffen aber finanzielle Spielräume und reduzieren das Risiko, jemanden ohne Branchenerfahrung einzustellen.
Fazit / Ausblick
Quereinsteiger können für Gastronomie und Hotellerie ein echter Gamechanger sein. Sie bringen Motivation, unterschiedliche Lebens- und Berufserfahrungen und oft eine hohe Lernbereitschaft mit. Wer bereit ist, klare Strukturen fürs Onboarding zu schaffen und offen für neue Zielgruppen zu werben, wird langfristig profitieren.
Die nächsten Jahre werden zeigen, dass der Blick über den Tellerrand nicht nur eine Notlösung ist, sondern ein strategischer Vorteil werden kann. Programme wie „Kick-Start“ liefern Vorbilder, die sich leicht in die Praxis übertragen lassen. Wenn Sie jetzt beginnen, aktiv Quereinsteiger zu gewinnen, passende Schulungen aufzubauen und Fördermittel zu nutzen, sichern Sie sich einen entscheidenden Vorsprung.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Ist Ihre Stellenanzeige auch für Branchenfremde verständlich?
- Haben Sie ein klares Einarbeitungskonzept inklusive Paten-System?
- Prüfen Sie regelmäßig, welche Fördermittel für Sie infrage kommen?
- Nutzen Sie visuelle Hilfsmittel, um Standards schnell und einfach zu vermitteln?
Wer diese Punkte angeht, macht den ersten Schritt zu einer stabilen, vielfältigen und motivierten Mannschaft.