Coworking im Café: Umsatzkiller oder lukrative Nische?
TL;DR
- Coworking im Café: Umsatzkiller oder lukrative Nische?
- Immer mehr Menschen fliehen aus dem Homeoffice - und landen in Cafés, Hotellobbys oder Bars.
- Doch nicht jeder Laptop-Gast ist automatisch ein Gewinn für den Betrieb.
- Wie gelingt der Spagat zwischen gemütlicher Gastro und produktivem Arbeitsplatz?
Teaser:
Immer mehr Menschen fliehen aus dem Homeoffice – und landen in Cafés, Hotellobbys oder Bars. Doch nicht jeder Laptop-Gast ist automatisch ein Gewinn für den Betrieb. Wie gelingt der Spagat zwischen gemütlicher Gastro und produktivem Arbeitsplatz? Und vor allem: Lässt sich damit wirklich Geld verdienen?
1. Das Café als das neue Büro
Stellen Sie sich vor: Es ist Dienstagvormittag, die Sonne fällt durch die Fensterfront, und an Tisch drei breitet sich bereits um 10 Uhr eine vollständige mobile Büroausstattung aus – Laptop, Noise-Cancelling-Kopfhörer, Wasserflasche, vielleicht sogar ein zweites Smartphone. Willkommen im Zeitalter der „Third Places“.
Der Begriff stammt vom amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg und beschreibt Orte jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz, an denen Menschen sich treffen, austauschen und inzwischen eben auch arbeiten. Die Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt: Homeoffice ist für viele Standard, gleichzeitig wächst der Wunsch nach Abwechslung und sozialer Umgebung. Wohnungen ohne eigenen Arbeitsraum tun ihr Übriges.
Historisch gesehen ist das nichts völlig Neues. Schon die Kaffeehäuser des 19. Jahrhunderts waren Treffpunkte für Denker, Schriftstellerinnen und Kreative. Heute kommt statt Papier eben WLAN dazu – und eine ganz neue Zielgruppe: Remote Worker, Freelancer, Businessgäste, die lieber im lebendigen Umfeld arbeiten als allein am Küchentisch.
2. Der Konflikt: Ein Kaffee, vier Stunden WLAN
So romantisch das Bild des arbeitenden Gastes wirkt – betriebswirtschaftlich kann es zur Herausforderung werden. Viele Cafés kennen das Phänomen: Ein eleganter Cappuccino für 3–4 Euro, dazu vier Stunden intensives Tastenklappern. Das Ergebnis: Ein Tisch, der blockiert ist, während potenzielle Mittagsgäste schon anstehen.
Ein Café-Betreiber beschreibt es so: „Wir mussten Laptops am Wochenende verbieten. Wenn Leute für einen Espresso drei Stunden einen Tisch blockieren, während draußen eine Schlange steht, rechnen wir uns kaputt.“ Solche Verbote sind längst keine Seltenheit mehr. In Berlin und München haben einige Betriebe Laptop-freie Zeiten eingeführt, oft abends oder am Wochenende.
Neben dem verlorenen Umsatz kommt ein weiteres Thema hinzu: Atmosphäre. Zu viele Bildschirme können den Raum optisch in ein Büro verwandeln – und klassische Kaffeegenießer fühlen sich womöglich fehl am Platz. Die Frage lautet also: Wie lässt sich dieser Trend so steuern, dass er sich rechnet?
3. Lösungen: Vom Verbot zum Geschäftsmodell
Viele Cafés reagieren inzwischen nicht mit einem kategorischen Nein, sondern mit cleveren Modellen. Der Vorteil: Sie behalten die Kontrolle über die Nutzung, generieren zusätzlichen Umsatz – und schaffen ein stimmiges Gesamtkonzept.
Modell 1: Das Tagesticket
Ein festes Ticket, meist zwischen 15 und 20 Euro, ist ein einfaches und transparentes Modell. Es beinhaltet typischerweise schnelles WLAN, Stromzugang, vielleicht sogar eine Kaffee-Flatrate oder Wasser. So wird derselbe Platz, der vorher 3–5 Euro Umsatz brachte, plötzlich zum rentablen Arbeitsplatz. Inspiration bietet unter anderem ein Beitrag von Ktchnrebel über Coworking-Konzepte in der Gastronomie (siehe „Coworking Spaces – Erfolgskonzept Gastronomie?“ auf ktchnrebel.com).
Modell 2: Zonierung
Einige Betriebe erlauben Laptops nur an bestimmten Plätzen: Hochtische, Fensterplätze oder eigene „Focus Zones“. Die großen Tische bleiben so der Gastronomie vorbehalten. Das schafft Balance, ohne Gäste auszuschließen – und erhält die gemütliche Café-Atmosphäre.
Modell 3: Zeitfenster über WLAN-Codes
Ein WLAN-Code auf dem Bon, der nach 60 Minuten abläuft, ist eine elegante, nicht-konfrontative Lösung. Wer länger bleiben möchte, bestellt nach – und produziert Umsatz.
Modell 4: Mitgliedschaften & Apps
Einige Pioniere, wie St. Oberholz in Berlin, haben bereits Abo-Modelle oder Kooperationen mit Apps etabliert. Damit lassen sich Stammgäste binden, ohne dass sie das normale Tagesgeschäft ausbremsen. Trendforscher bestätigen diese Entwicklung: „Das Café wird zum Hybrid-Raum. Wer das ignoriert, verliert eine wachsende Zielgruppe. Aber man darf sich nicht ausnutzen lassen.“
Gemeinsam haben alle Modelle eines: Klare Regeln, transparente Kommunikation und die Erkenntnis, dass Coworking kein Zufallsprodukt sein muss – es kann ein planbarer Umsatztreiber werden.
4. Best Practice: Die Hotellobby als Workspace
Während Cafés oft mit Platz kämpfen, haben Hotels einen anderen Vorteil: Raum – und zwar reichlich. Viele Hotellobbys sind zwischen 10 und 16 Uhr nahezu ungenutzte Flächen. Genau hier entstehen neue Geschäftschancen.
Ein Beispiel dafür beschreibt der Tagesspiegel: Im Park Plaza Berlin wurde die Bar tagsüber zum Workspace umfunktioniert – mit Tagespauschalen und gastronomischer Betreuung („Wie die Hotelbar zum Workspace wurde“ auf tagesspiegel.de). Das Konzept schlug an. Eine Hotelmanagerin fasst es so zusammen: „Früher war die Lobby tagsüber tot. Heute sitzen hier Freelancer, trinken guten Kaffee und bleiben oft sogar noch für einen After-Work-Drink. Es belebt das Haus.“
Hotels punkten mit mehreren Vorteilen:
- vorhandene Infrastruktur (WLAN, Strom, große Tische)
- ruhige Atmosphäre
- Servicekräfte sind ohnehin vor Ort
- Zusatzverkäufe durch Lunch oder Kaffee-Snacks
- Imagegewinn: Eine lebendige Lobby wirkt gastfreundlich und modern
Für Hotels bietet Coworking also nicht nur zusätzliche Einnahmen, sondern eine ganz neue Nutzung ihrer tagsüber brachliegenden Flächen.
5. Ausstattung & Voraussetzungen
Damit Coworking in der Gastronomie funktioniert, braucht es nicht viel – aber das Richtige. Die Basics:
- WLAN: stabil, schnell, sicher. Ein separates Gäste-Netzwerk ist Pflicht, schon allein aus Datenschutzgründen.
- Strom: Steckdosen in erreichbarer Nähe; alternativ verleihbare Powerbanks.
- Möbel: Sitzkomfort schlägt Design. Mindestens 2–3 Stunden sollten gut machbar sein – Tipps dazu finden sich etwa im „Coworking in Café und Co.“-Beitrag auf goin.de.
- Licht: Hell genug zum Arbeiten, ohne die gemütliche Stimmung vollständig zu verlieren.
- Extras: Drucker, Scanner oder ein Meetingraum auf Anfrage – optional, aber ein Pluspunkt für ambitionierte Coworking-Betriebe.
Diese Ausstattung entscheidet darüber, ob Gäste produktiv arbeiten können – und damit über die Attraktivität des Angebots.
Fazit & Ausblick
Coworking im Café oder Hotel ist kein kurzfristiger Modetrend, sondern eine stabile Entwicklung, die aus dem modernen Arbeitsalltag nicht mehr wegzudenken ist. Die zentrale Erkenntnis: Ohne Regeln wird der Laptop-Gast schnell zum Umsatzkiller. Mit klugem Konzept hingegen lässt sich eine neue Zielgruppe gewinnen und der Umsatz in sonst schwachen Zeiten steigern.
In Zukunft dürfte das Angebot noch vielfältiger werden: dynamische Preismodelle, Mitgliedschaften, vielleicht sogar Kooperationen mit Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden flexible Arbeitsplätze anbieten möchten. Wenn Sie jetzt klare Strukturen schaffen und Ihre Räumlichkeiten darauf ausrichten, sichern Sie sich einen Vorsprung – und verwandeln den „Laptop-Besetzer“ in einen zahlenden Stammgast.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Haben Sie Bereiche, die vormittags oder nachmittags kaum genutzt werden?
- Ist Ihr WLAN schnell, stabil und separat abgesichert?
- Könnte ein Tagesticket oder Zeitmodell Ihre Tischblockade-Probleme lösen?
- Haben Sie ausreichend Steckdosen und ergonomische Sitzmöglichkeiten?
- Ist Ihr Konzept klar nach außen kommuniziert – ohne Missverständnisse?
Wenn Sie die meisten Fragen mit „ja“ beantworten können, lohnt sich ein Testlauf. Coworking kann die perfekte Ergänzung für Ihren Betrieb sein – sowohl wirtschaftlich als auch atmosphärisch.