Vom Teller in die Welt: Wie Gastrotourismus neue Umsatzquellen erschließt
TL;DR
- Vom Teller in die Welt: Wie Gastrotourismus neue Umsatzquellen erschließt.
- Genau das wird für viele Gäste zum neuen Normal.
- Immer mehr Menschen planen ihren Urlaub um ein Restaurant, eine Weinregion oder ein…
- Für Gastronomie und Hotellerie eröffnet dieser Trend enorme Chancen - wenn man ihn frühzeitig…
Teaser:
Reisen nur fürs Essen? Genau das wird für viele Gäste zum neuen Normal. Immer mehr Menschen planen ihren Urlaub um ein Restaurant, eine Weinregion oder ein Food-Event herum. Für Gastronomie und Hotellerie eröffnet dieser Trend enorme Chancen – wenn man ihn frühzeitig erkennt und aktiv gestaltet.
1. Der Geschmack als Kompass
Stellen Sie sich vor, ein Paar bucht nicht erst ein Hotel und sucht dann nach Restaurants – nein, es reserviert zuerst einen Tisch, und darum herum entsteht die gesamte Reiseplanung. Genau dieses Szenario wird zur neuen Realität. Statt Sightseeing dominiert inzwischen das „Taste-seeing“.
Das Segment „Food Travel“ wächst laut aktuellen Branchenberichten schneller als jeder andere Bereich im hochwertigen Freizeit- und Luxusreisemarkt. Kulinarik ist für viele Reisende längst mehr als ein nettes Extra: Sie ist Hauptmotiv, Identitätsanker und Anlass, sich überhaupt auf den Weg zu machen. So werden Weinlese, Streetfood-Festivals oder der Besuch eines gefeierten Küchenchefs zum Ausgangspunkt für Trips quer durch Europa.
Für Gastronomen und Hoteliers eröffnet dieser Wandel ein neues Geschäftsfeld. Denn wer für den Geschmack reist, ist bereit, mehr auszugeben – und kommt meist gezielt wegen eines Angebots, das sich nicht beliebig kopieren lässt.
2. Profil des Genussreisenden
Wer sind diese Menschen, die ihre Destination nach dem Teller statt nach dem Tempel auswählen? Die neuesten Erkenntnisse – etwa aus der Tourismusberatung von Richard Bauer sowie aus Studien der Österreich Werbung – zeichnen ein klares Bild:
Rund 40 bis 45 Prozent der Reisenden im deutschsprachigen Raum lassen sich bei ihrer Urlaubsentscheidung wesentlich vom kulinarischen Angebot einer Region leiten. Kulinarik ist damit das „Hidden Champion“-Kriterium im Destinationsmarketing.
Noch spannender wird es bei der Ausgabebereitschaft: In Österreich etwa investieren Kulinarik-Urlauber laut T-MONA-Erhebung im Schnitt 236 Euro pro Tag – deutlich mehr als der Durchschnittsgast mit 199 Euro. Diese Differenz ist für Betriebe extrem relevant, gerade in saisonalen oder ländlichen Regionen.
Hinzu kommt die hohe Empfehlungsrate: Bis zu 96 Prozent dieser Gäste sprechen aktiv über ihre Erfahrungen. Ein nahezu unschlagbarer Multiplikatoreffekt.
Tourismusexperte Richard Bauer bringt es auf den Punkt:
„Menschen definieren sich heute über Kulinarik – sie gibt Identität und zeigt die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen.“
Typische Food-Traveler sind häufig Paare ohne Kinder, die Genuss bewusst als Lebenstil begreifen. Für sie steht nicht das Abhaken von Sehenswürdigkeiten im Vordergrund, sondern das Eintauchen in Aromen, Produkte und Geschichten.
3. Blick über den Tellerrand: Italien & Co.
Ein Blick nach Italien zeigt, wie kraftvoll Kulinarik als Wirtschaftsmotor wirkt. 2024 gaben ausländische Touristen dort über 12 Milliarden Euro in Restaurants und Bars aus – ein Plus von 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie die Analyse von Fiepet Confesercenti zeigt. Gleichzeitig läuft der politische Prozess, die italienische Küche als UNESCO-Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. Das wäre nicht nur kulturell prestigeträchtig, sondern auch ein enormer Marketinghebel für das ganze Land.
Der Landwirtschaftsminister Francesco Lollobrigida beschreibt die Bedeutung der Gastronomie als zentralen Wirtschaftsfaktor und Teil der kulturellen Identität – und genau diese Verzahnung aus Kultur, Wirtschaft und Essen macht das italienische Beispiel so lehrreich.
Auch Österreich setzt Kulinarik gezielt als Destinationsfaktor ein. Die Österreich Werbung platziert das Thema seit Jahren in den Top 3 der Urlaubsmotive – gleichauf mit Landschaft und Sehenswürdigkeiten.
CEO Astrid Steharnig-Staudinger formuliert es so:
„Kulinarik ist ein Erlebnis und beeinflusst die Urlaubsentscheidung. Österreichs Kulinarik verbindet Regionalität und höchste Qualität mit gelebter Gastfreundschaft.“
Ob „Genussregionen“, regionale Produzentenwege oder Weinradwege: Die Botschaft ist klar – gutes Essen schafft Marke. Und diese Marke ist oftmals das entscheidende Auswahlkriterium für Reisende.
4. Erlebnis vor Konsum
Doch Genussreisende wollen nicht nur essen – sie wollen dabei sein, wenn Genuss entsteht. Das reine „Vorsetzen“ eines Gerichts reicht vielen nicht mehr. Der Trend geht eindeutig zur Partizipation.
Ob Kochkurse, bei denen Gäste selbst Pasta formen, eine Trüffelsuche im Wald, die Olivenernte im Herbst oder ein Nachmittag beim Winzer: Solche Formate schaffen Nähe, Emotion und Verständnis für die regionale Küche. Das Ergebnis ist ein Erlebnis, das Gäste erzählen, fotografieren und teilen.
Gerade Social Media verstärkt diesen Trend. Ein authentisches Food-Foto generiert laut Branchenbeobachtungen oft deutlich mehr Engagement als klassische Reisefotos. Für Gastronomen heißt das: Sichtbarkeit entsteht nicht nur über Geschmack, sondern über Erlebnisse, die Instagram-tauglich sind – und dennoch authentisch bleiben.
Der Wunsch nach „Echtheit“ ist entscheidend. Je klarer sich ein Betrieb vom kulinarischen Alltag der Gäste unterscheidet, desto stärker wird er als Reiseziel wahrgenommen.
Letsy Vatanirappel von Evaneos fasst es treffend zusammen:
„Wie könnte man besser in eine fremde Kultur eintauchen als über neue Aromen und unbekannte Gerichte?“
5. Praxis-Tipps für lokale Betriebe
Wie lässt sich dieser Trend in handfeste Umsatzchancen verwandeln? Die folgenden Ansätze haben sich in vielen Regionen bewährt – und sind für Betriebe jeder Größe realisierbar.
Kooperationen stärken
Hotels und Restaurants profitieren, wenn sie zusammenarbeiten. Ein „Genuss-Paket“ könnte eine Übernachtung, ein Dinner, eine Weinverkostung beim Partnerbetrieb und vielleicht sogar einen Marktbesuch beinhalten. Solche Arrangements geben Gästen ein klares Motiv, genau hier zu buchen.
Die eigene Küche als Destination sichtbar machen
Ein Restaurant wird zur Destination, wenn es eine Geschichte erzählt. Zeigen Sie auf Ihrer Website, woher Ihre Produkte stammen, welche Produzenten Sie unterstützen oder welche saisonalen Besonderheiten Ihr Angebot auszeichnen. Formate wie „Farm-to-Table“ sollten dabei nicht als Modewort eingesetzt werden, sondern als echte, nachvollziehbare Haltung.
Events kreieren
Egal ob „Chef’s Table“, ein Kulinarik-Workshop, ein Brotbackkurs oder ein saisonales Menüwochenende – Events schaffen buchbare Anlässe. Für viele Gäste sind solche Formate der Grund, an genau diesem Wochenende anzureisen. Sie verlängern Saisonen und erzeugen planbare Peaks.
Regionale Vernetzung leben
Die Kooperation mit Hofläden, Fischern, Käsereien oder Imkerei-Betrieben ist nicht nur ein Qualitätsmerkmal – sie eröffnet auch Erlebniswege. Wenn Gäste beim Produzenten vorbeischauen können, entsteht ein ganzheitliches Genussnarrativ. Für Betriebe ist das eine Chance, sich klar von Mitbewerbern abzugrenzen.
Fazit & Ausblick
Kulinarik ist längst kein Nebenschauplatz des Tourismus mehr, sondern entscheidendes Reisemotiv. Wer authentische, regionale und erlebnisorientierte Angebote schafft, gewinnt eine Zielgruppe, die mehr ausgibt, länger bleibt und eifrig weiterempfiehlt. Italien und Österreich zeigen, wie stark Kulinarik zur Markenbildung und Wertschöpfung beitragen kann – und dass regionale Identität dabei ein entscheidender Erfolgsfaktor ist.
Für Gastronomen und Hoteliers bedeutet das: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, sich als kulinarisches Reiseziel zu positionieren. Ob durch Kooperationen, Events oder Storytelling – wer heute investiert, wird in den kommenden Jahren zu den Gewinnern des „Food Travel“-Booms gehören. Wer jetzt beginnt, ist der Konkurrenz einen entscheidenden Schritt voraus.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Gibt es ein klares kulinarisches Profil, das Gäste als authentisch wahrnehmen?
- Sind Kooperationen mit Produzenten, Winzern oder Hotels aktiv entwickelt?
- Bieten Sie Erlebnisse an, die über den reinen Restaurantbesuch hinausgehen?
- Erzählt Ihre Website die Geschichte Ihrer Küche sichtbar und glaubwürdig?
- Haben Sie ein oder zwei buchbare Anlässe geschaffen, die Reisende anziehen?