Vom Tresen an den Laptop: Wie Hybrid-Konzepte die Flächenrentabilität steigern
TL;DR
- Vom Tresen an den Laptop: Wie Hybrid-Konzepte die Flächenrentabilität steigern.
- Stellen Sie sich vor, Sie betreten Ihre Bar an einem Dienstagmorgen um 9 Uhr.
- Die Tanzfläche ist verlassen, die Lichter gedimmt, die Luft still.
- Nur: Die Miete läuft trotzdem.
1. Wenn die Lichter morgens ausgehen
Stellen Sie sich vor, Sie betreten Ihre Bar an einem Dienstagmorgen um 9 Uhr. Die Tanzfläche ist verlassen, die Lichter gedimmt, die Luft still. Nur: Die Miete läuft trotzdem. Viele Betriebe nutzen ihre Fläche effektiv gerade einmal sechs bis acht Stunden am Tag – meist abends. Tagsüber herrscht Leerstand, während Kosten für Strom, Heizung und Miete weiterlaufen.
Gleichzeitig drängen immer mehr Menschen aus dem Homeoffice in Cafés und sogenannte „Third Places“ – Orte zwischen Zuhause und Arbeitsplatz. Der Hersteller Sedus beschreibt diese Räume als soziale Anker für hybride Mitarbeiter und als Antwort auf Homeoffice-Müdigkeit. Wer nicht allein am Küchentisch versauern möchte, sucht Abwechslung und Inspiration.
Damit treffen zwei Entwicklungen aufeinander: Gastronomen brauchen neue Umsatzquellen, und Remote-Worker suchen flexible Plätze zum Arbeiten. Work-Life-Blending macht die Übergänge ohnehin fließender – warum also nicht tagsüber arbeiten und abends direkt anstoßen? Genau hier setzen Hybrid-Konzepte an.
2. Das Konzept: Airbnb für Schreibtische
Wie funktioniert diese Doppelnutzung konkret? Im Kern geht es darum, die Gastronomiefläche in der sonst ruhigen Tageszeit als Workspace zu vermieten – stunden-, tages- oder monatsweise. Zwei Modelle haben sich herausgebildet:
1. Plattformgestützte Vermietung.
Startups wie Tapdesk oder Independesk vermitteln Arbeitsplätze nach dem Prinzip „Airbnb für Coworking“. Gastronomen stellen freie Flächen bereit, die Plattform übernimmt Marketing und Buchung. Nutzer buchen über App oder Website, Check-ins erfolgen teilweise sogar über Smart Locks. „Tapdesk fungiert als Plattform, ähnlich wie ein Airbnb für Coworking“, sagt Mitgründer Björn Gieß im Interview mit t3n. Sein Co-Founder Patrick Runge ergänzt: „Die Lokalbetreibenden können so die Einrichtungsfläche, für die sie sowieso zahlen, weiter monetarisieren. Und das, ohne dass Personalaufwand auf ihrer Seite entsteht.“
2. Eigenregie.
Hier steuern Sie das Angebot selbst – zum Beispiel mit einem „Coworking-Pass“ für 10 bis 20 Euro pro Tag oder 15 Euro inklusive Kaffee und Wasser. Vorteil: Sie behalten die Einnahmen vollständig. Nachteil: Sie müssen Buchungssystem und Kundenkommunikation organisieren.
Beide Modelle laufen nach ähnlichem Muster ab:
Morgens werden Licht, Kaffeemaschine und Tische vorbereitet; Steckdosenleisten ausgelegt; vielleicht noch ein kleiner Self-Service-Stand aufgebaut. Abends verschwindet das Laptop-Publikum, die Musik wird hochgedreht, die Bar startet in den gewohnten Betrieb. Oft genügt ein kurzer Umbau, denn viele Coworker setzen auf Minimal-Ausstattung: Tisch, Stuhl, WLAN, Ruhe.
Für Gastronomen ist dies attraktiv, weil kein zusätzliches Personal benötigt wird – Voraussetzungen sind allerdings klar definierte Self-Service-Angebote und ein reibungsloser Zugang.
3. Voraussetzungen: Mehr als nur WLAN
Wer Coworking anbietet, muss eine zuverlässige Grundausstattung liefern. Und die beginnt nicht bei Latte-Art, sondern bei funktionierender Infrastruktur.
Stabiles High-Speed-WLAN.
Das Gäste-WLAN, das alle 30 Minuten trennt, ist hier tabu. Remote-Worker verlangen Geschwindigkeit, Stabilität und sichere Zugänge. Am besten getrennt vom regulären Netzwerk der Kasse.
Stromversorgung.
Viele Bars sind für abendlichen Betrieb ausgelegt – und haben entsprechend wenig Steckdosen. Mehrfachleisten oder fest installierte Boden- oder Tischlösungen gehören deshalb zur Grundsanierung eines Coworking-Angebots.
Arbeitslicht statt Bar-Ambiente.
Schummerlicht passt zu Drinks, aber nicht zu Excel-Tabellen. Die Lösung: dimmbare Lampen oder zusätzliche Arbeitsleuchten, die tagsüber das gesamte Lokal heller wirken lassen.
Ergonomie.
Barhocker sind charmant – aber niemand sitzt dort acht Stunden. Ein Experte für Gastronomie-Design bringt es auf den Punkt: „Nicht jeder Barstuhl ist ein Bürostuhl. Wer Coworking anbietet, muss sicherstellen, dass der Gast nach zwei Stunden keine Rückenschmerzen hat.“ Ein paar ordentliche Stühle und Tische genügen meist schon, um die Aufenthaltsqualität massiv zu steigern.
Akustik und Geräuschpegel.
Während abends Gläserklirren zur Atmosphäre gehört, wünschen Coworker tagsüber Ruhe. Entweder Sie verzichten auf laute Musik oder setzen auf dezente LoFi-Hintergrundsounds. Auch der Standort von Spülmaschine und Kaffeemühle will durchdacht sein.
Service-Light statt Vollgastronomie.
Idealerweise läuft alles weitgehend selbstständig: Kaffeemaschine im Self-Service, Wasserstation, minimaler Personaleinsatz. Je effizienter das System, desto größer die Marge.
4. Praxisbeispiele & Best Practices
Der Trend ist keinesfalls nur eine Theorie. Ein Blick nach Bremen zeigt, wie schnell sich solche Modelle etablieren können. Das Startup Tapdesk entstand laut einem Bericht von t3n aus einer einfachen Beobachtung: Die Gründer standen morgens vor einer geschlossenen Bar und fragten sich, warum dieser Raum ungenutzt bleibt. Heute arbeiten sie mit Smart Locks und Videozugängen – Gastronomen müssen dafür nicht einmal vor Ort sein. Nutzer zahlen laut Business Insider rund 49 Euro pro Monat oder kaufen Tagespässe.
Ein ganz anderes Kaliber zeigt das Crew Collective & Café in Montreal. In einer ehemaligen Bankhalle verbinden die Betreiber eindrucksvolle Architektur mit Workspace-Charakter – ein Beispiel dafür, wie ästhetisch die Symbiose aus Gastro und Arbeiten sein kann. Zwar mehr Café als Bar, aber ein inspirierender Blick darauf, wie raumgestalterisch gedacht werden kann.
Auch Hotellobbys haben den Trend früh erkannt. Ob internationale Ketten oder kreative Boutique-Häuser – viele designen ihre Eingangsbereiche längst als flexible Workspaces. Gäste sitzen tagsüber am Laptop und wechseln abends nahtlos in die Bar – eine Blaupause für unabhängige Gastronomiebetriebe.
Ein Barbetreiber aus einem urbanen Umfeld fasst es treffend zusammen: „Für uns ist das kostenloses Marketing. Wer tagsüber hier arbeitet, bringt abends oft Freunde auf ein Bier mit.“
5. Die Rechnung: Lohnt sich der Aufwand?
Bleibt die entscheidende Frage: Zahlen sich Investitionen in Steckdosen, Licht und Internet wirklich aus?
Einnahmen.
Je nach Modell generieren Sie Umsätze durch
- Tagespässe,
- Monatsabos,
- Beteiligungen an Ticketverkäufen (bei Plattformen).
Tapdesk zeigt beispielhaft, dass Nutzer bereit sind, zwischen 8 und 15 Euro pro Tag zu zahlen. Für Sie als Unternehmer entsteht damit ein stabiler Tagesumsatz – genau in Zeiten, in denen sonst kaum Betrieb herrscht.
Cross-Selling.
Coworker trinken Kaffee, essen mittags etwas Leichtes und bleiben nicht selten bis zum After-Work-Drink. Aus einem Tagespass werden schnell zwei oder drei Umsatzkanäle.
Investitionen.
Nötig sind meist:
- ein paar Möbel,
- zusätzliche Steckdosen,
- ein schnellerer Internetanschluss,
- eventuell Smart-Lock-Systeme,
- gegebenenfalls eine ergänzende Versicherung.
Der Umbau ist überschaubar – aber er kostet. Auch die stärkere Abnutzung des Mobiliars sollte einkalkuliert werden.
Risiken.
Als größtes organisatorisches Risiko gilt der Übergang zwischen Tag- und Abendbetrieb. Treffen Coworker und Cocktailgäste aufeinander, kann es zu Konflikten kommen. Deshalb braucht es klare Regeln und Zeitfenster.
Fazit & Ausblick
Hybrid-Locations sind mehr als ein Trend – sie sind eine Antwort auf steigende Fixkosten und veränderte Arbeitsgewohnheiten. Sie ermöglichen Gastronomen, ihre Fläche effizienter zu nutzen und neue Zielgruppen anzusprechen. Gleichzeitig bieten sie Remote-Workern eine Alternative zum Homeoffice und erzeugen positive Synergieeffekte: Wer tagsüber arbeitet, kommt abends gern wieder.
In den nächsten Jahren dürfte das Thema weiterwachsen – nicht zuletzt, weil klassische Coworking-Anbieter nach Insolvenzen großer Player Lücken hinterlassen haben. Dezentrale, kleine Lösungen sind gefragt. Und genau hier kann die Gastronomie punkten.
Wenn Sie jetzt prüfen, wie Sie Ihre Fläche smarter nutzen können, sind Sie Ihrer Konkurrenz vielleicht schon den entscheidenden Schritt voraus.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Ist Ihr WLAN stabil und schnell genug?
- Gibt es ausreichend Steckdosen im Gastraum?
- Können Sie ergonomische Sitzplätze anbieten?
- Lässt sich ein Self-Service-Bereich für Kaffee und Wasser einrichten?
- Haben Sie ein klares Zeitfenster für den Übergang zwischen Coworking und Abendbetrieb?
- Nutzen Sie Plattformen – oder ist ein eigenes Angebot sinnvoller?