Freitag, 30. Januar 2026 GastroNews – Magazin für Profis
Küche & Trends

¡Viva Sudamérica! – Warum die lateinamerikanische Küche jetzt die DACH-Gastronomie erobert

Lange galt lateinamerikanisches Essen hierzulande als Tex-Mex-Imbiss oder Steakhaus-Ergänzung. Doch diese Zeiten sind vorbei: Von Peru bis Patagonien erobert eine neue, vielfältige und hochqualitative Küchenwelle Europas Metropolen. Für Gastronominnen und Gastronomen bietet sie enorme Chancen – von höheren Margen bis zu klarer Differenzierung im Markt.

1. Jenseits von Tacos und Steaks

Stellen Sie sich vor, Sie blättern durch eine neue Speisekarte und entdecken plötzlich Gerichte wie „Mole Negro“, „Nikkei Tiradito“ oder „Arepas Reina Pepiada“. Was vor wenigen Jahren noch als gastronomische Exotik galt, ist heute in vielen Großstädten auf dem Vormarsch. Die Zeiten, in denen „lateinamerikanisch“ in Deutschland vor allem Tex-Mex-Ketten oder üppige Steakhäuser bedeutete, sind vorbei.

Angetrieben wird der Trend nicht nur von neugierigen Gästen, sondern auch von der internationalen Aufmerksamkeit: In der Liste der World’s 50 Best Restaurants rangieren seit Jahren mehrere Häuser aus Lima, Mexiko-Stadt und São Paulo unter den Spitzenplätzen – ein klares Signal für globale Relevanz. Die Küche des Kontinents ist bunt, aromenreich, fotogen und verbindet Umami, Säure und Schärfe auf eine Art, die sowohl modern als auch zugänglich wirkt.

Für die Gastronomie im DACH-Raum bedeutet das: Neues Publikum, neue Margen, neue Konzepte – ohne Abdriften in Folklore-Klischees. Authentizität und Regionalität stehen jetzt im Vordergrund.

2. Peru: Der Motor der Revolution

Wenn es einen Ursprung der aktuellen Welle gibt, dann liegt er in Peru. Köche wie Gastón Acurio und Virgilio Martínez haben das Land in den vergangenen zwei Jahrzehnten kulinarisch auf die Weltkarte gesetzt. „Unsere Vielfalt hat unsere Neugierde erweckt“, sagt Acurio über den Mix aus andinen Zutaten, kolonialen Einflüssen und globalen Einwandererküchen. Ein Blick in Artikel wie Die neue Küche Südamerikas von Falstaff oder die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung zeigt: Lima gilt heute als eine der spannendsten Food-Metropolen weltweit.

Das Nationalgericht Ceviche – roher Fisch, der durch Limettensaft und die fruchtig-scharfe Leche de Tigre „gegart“ wird – hat längst Sushi-Niveau erreicht. Oder wie es ein Trendforscher formulieren würde: „Ceviche ist das neue Sushi.“ Für die DACH-Gastronomie ideal, denn das Gericht ist leicht, gesund, flexibel interpretierbar und visuell ein Volltreffer.

Dazu kommt die Nikkei Cuisine: Die Fusion japanischer Kochtechniken mit peruanischen Zutaten bringt elegante Gerichte hervor, die besonders in der gehobenen Küche funktionieren. Tiraditos – dünn geschnittene Fischscheiben mit kraftvollen Dressings – sprechen Gäste an, die Fine Dining mit internationalem Flair suchen.

Ebenso spannend: Chifa, die chinesisch-peruanische Küche. Wok-Gerichte mit südamerikanischen Aromen bieten eine reizvolle Alternative zu klassischen Pan-Asian-Konzepten – mit überraschendem Twist.

Für Gastronomen im DACH-Raum eröffnet Peru damit ein breites Spektrum zwischen authentischer Landesküche und modernem Fusion-Ansatz. Ceviche-Bars, Nikkei-Fine-Dining oder Chifa-Streetfood – alles hat Potenzial.

3. Vielfalt des Kontinents: Von Arepas bis Asado

Natürlich ist Lateinamerika weit mehr als Peru. Wer den Kontinent kulinarisch bereist, merkt schnell, wie unterschiedlich die Küchen sind – und wie viele Trends sich daraus für Europa ableiten lassen.

Argentinien & Uruguay:

Das Asado ist nicht einfach Grillen. Es ist Ritual, Handwerk und Geduld am offenen Feuer. Der Trend bewegt sich längst weg von klassischen Steaks hin zu Cuts wie Vacio oder Entraña. Dazu kommt der Nose-to-Tail-Gedanke, der in Europa ohnehin Fahrt aufgenommen hat. Für Restaurants mit Grillfokus ein attraktives Differenzierungsmerkmal.

Venezuela & Kolumbien:

Arepas – kleine Maisfladen – sind ein echtes Multitalent. Glutenfrei, schnell zubereitet und beliebig füllbar eignen sie sich perfekt für Lunch-Konzepte oder hochwertiges Streetfood. Ein südamerikanischer Bistrobetreiber bringt es auf den Punkt: „Mit Arepas erreichen wir Gäste, die glutenfrei essen müssen, aber nicht auf 'Comfort Food' verzichten wollen.“

Brasilien:

Amazonas-Zutaten wie Maniok, exotische Früchte und Süßwasserfische prägen die brasilianische Küche. Spitzenköche wie Alex Atala (D.O.M.) haben gezeigt, wie sich regionale Produkte aus dem Regenwald in die High-End-Gastronomie heben lassen. Für europäische Küchen bieten sie Inspiration, ohne gleich exotische Flugware verpflichtend zu machen – viele Aromen lassen sich lokal interpretieren.

Mexiko:

Zwischen Tex-Mex und echter mexikanischer Küche liegen Welten. Komplexe Mole-Saucen, alte Maissorten und der kreative Umgang mit Chili prägen die regionale Vielfalt. Insekten als Proteinquelle bleiben zwar Nische, zeigen aber den Innovationsdrang einer Kochkultur, die deutlich raffinierter ist, als ihr Ruf.

4. Superfoods & Zutaten-Sourcing

Ein weiterer Treiber des Booms ist die Zutatenpalette des Kontinents. Quinoa, Amaranth, Chia, Avocado, Camu-Camu – viele Produkte gelten als „Superfoods“. Dazu kommt der hohe Anteil an glutenfreien Grundzutaten wie Mais und Maniok.

Gäste, die Wert auf Gesundheit, Natürlichkeit oder Unverträglichkeiten legen, fühlen sich dadurch abgeholt. Gleichzeitig bieten diese Zutaten vielfältige Einsatzmöglichkeiten – von Frühstücksbowls bis Fine-Dining-Tasting-Menu.

Beim Sourcing gilt jedoch: Balance ist alles. Der Import exotischer Früchte oder Fischarten kann Nachhaltigkeitsfragen aufwerfen. Der GTAI‑Branchenguide Lateinamerika zeigt, wie stark die Region beim Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse ist – Mexiko führt bei Avocados und Tomaten, Brasilien bei Kaffee und Soja. Gleichzeitig kommen 63 Prozent des lateinamerikanischen Stroms aus erneuerbaren Quellen, was langfristig für nachhaltigere Produktionsketten spricht.

Für die Gastronomie bieten sich zwei Strategien an:

Beide Wege kommunizieren Sie idealerweise transparent – das schafft Vertrauen.

5. Umsetzungstipps für die DACH-Region

Wie lässt sich der Trend ohne kompletten Konzeptwechsel integrieren? Drei Ansätze stechen heraus:

1. Sharing Plates:

Die Esskultur Lateinamerikas ist kommunikativ. Mehrere kleine Teller, zentral serviert – das bringt Umsatz durch Vielfalt und fördert längere Aufenthaltsdauer. Perfekt geeignet für Ceviche-Varianten, kleine Arepa-Kreationen oder Nikkei-Bites.

2. Cocktail-Pairing / Liquid Dinner:

Spirituosen wie Pisco, Mezcal und hochwertiger Tequila sind Umsatzbringer. „Die Gewinnmargen bei Pisco und Mezcal sind attraktiv“, heißt es aus Bartenderkreisen. Pairings – etwa Pisco Sour zu Ceviche – passen ideal zum Trend der flüssigen Menüs.

3. Authentisches, dezentes Ambiente:

Weg vom Folklore-Kitsch. Moderne, erdige Farben, Naturmaterialien, Pflanzen. Das Setting sollte die Küche unterstützen, nicht karikieren.

Konzepte wie Pop-up-Menüs, saisonale Aktionswochen oder Kooperationen mit Gastköchen aus Südamerika können zusätzlich Aufmerksamkeit erzeugen.

Fazit & Ausblick

Die lateinamerikanische Küche ist kein Hype, der in einer Saison verschwindet. Sie verbindet Gesundheitstrends, Erlebnisgastronomie und hochwertige Zutaten mit lebendigen Geschichten und einer beeindruckenden Vielfalt. Für Gastronomen und Hoteliers bietet sie die Chance, sich sichtbar zu differenzieren – ohne das Rad neu erfinden zu müssen.

In den nächsten Jahren dürfte der Trend weiter wachsen, unterstützt durch Rankings wie die World’s 50 Best Restaurants und die zunehmende Professionalisierung lateinamerikanischer Produzenten. Wer jetzt erste Schritte wagt, von kleinen Sharing-Plates bis hin zu einer eigenen Nikkei-Linie, verschafft sich einen Vorsprung – und bringt frische Energie in den eigenen Betrieb.

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