Dienstag, 31. März 2026 GastroNews – Magazin für Profis
Management & Recht

Mehrwegpflicht-Bilanz: Zwischen Bürokratie-Frust und Nachhaltigkeits-Chance

Seit über drei Jahren gilt die Mehrwegangebotspflicht für Essen und Getränke zum Mitnehmen. Doch wie gut funktioniert das System wirklich im Alltag von Restaurants, Cafés und Hotels? Zwischen übervollen Rückgabeboxen, unklaren Regeln und wechselwilligen Gästen zeigt sich: Die Idee war gut – der Weg dahin ist steiniger als gedacht. Zeit für eine ehrliche Bestandsaufnahme.

Mehrwegpflicht-Bilanz: Zwischen Bürokratie-Frust und Nachhaltigkeits-Chance

TL;DR

Teaser:

Seit über drei Jahren gilt die Mehrwegangebotspflicht für Essen und Getränke zum Mitnehmen. Doch wie gut funktioniert das System wirklich im Alltag von Restaurants, Cafés und Hotels? Zwischen übervollen Rückgabeboxen, unklaren Regeln und wechselwilligen Gästen zeigt sich: Die Idee war gut – der Weg dahin ist steiniger als gedacht. Zeit für eine ehrliche Bestandsaufnahme.

1. Einleitung: Der gute Wille des Gesetzes

Stellen Sie sich vor, Sie öffnen morgens Ihren Betrieb, und noch bevor der erste Kaffee durchläuft, wandert der Blick über den Tresen: Einwegbecher, Pappschalen, Folien – trotz aller Bemühungen nach wie vor eine beeindruckende Sammlung an Verpackungen. Genau hier wollte der Gesetzgeber ansetzen. Seit dem 1. Januar 2023 gilt: Wer Einwegplastik oder kunststoffhaltige Verpackungen anbietet, muss auch eine Mehrwegalternative bereithalten – zum gleichen Preis und mit derselben Füllmenge.

Die Idee dahinter ist klar und angesichts von rund 770 Tonnen Takeaway-Müll pro Tag in Deutschland dringend nötig. Doch während die Politik zum Start große Hoffnungen weckte, blieb die „Revolution der Mehrwegkultur“ zunächst aus. Der Wille war da, der Alltag jedoch hartnäckiger.

2. Realitätscheck: Zahlen vs. Gefühl

Im Gespräch mit Gastronomen entsteht schnell ein ambivalentes Bild. Viele haben Mehrweg eingeführt – oft pflichtbewusst, manchmal aus Überzeugung –, doch die Nutzung bleibt enttäuschend niedrig. Laut WWF lag der Mehrweganteil im To-go-Bereich zeitweise gerade einmal bei etwa 1,6 Prozent. Das deckt sich mit dem Eindruck vieler Betriebe: Die Nachfrage kommt nur zögerlich in Fahrt.

Ein Test der Verbraucherzentrale Berlin bestätigte diese Diskrepanz zwischen Regel und Realität: Von 60 besuchten Betrieben setzten nur neun die Vorgaben sauber um oder boten Mehrweg aktiv an. Die Deutsche Umwelthilfe nannte das Gesetz einen „Rohrkrepierer“ – pointiert, aber nicht ganz unberechtigt.

Woran liegt’s? Viele Gäste finden Mehrweg grundsätzlich gut, scheuen aber Pfandbeträge oder die Registrierung bei App-basierten Systemen – besonders dann, wenn es „nur ein schneller Kaffee zwischendurch“ ist. Bequemlichkeit schlägt Nachhaltigkeit: ein menschlicher Reflex, der Gastronomen vor Herausforderungen stellt.

3. Die Hürden im Betriebsalltag

Im täglichen Betrieb zeigt sich, wie komplex Mehrweg tatsächlich ist. Da ist zum einen der System-Dschungel: Relevo, Recup, Vytal – oder lieber ein eigenes schickes Schüsselset? Was in der Theorie Vielfalt bedeutet, führt praktisch zu einem Flickenteppich. Gäste können Behälter von System A oft nicht in Betrieb B zurückgeben – ein Frustmoment, der die Akzeptanz senkt.

Zudem kämpfen viele Betriebe mit Platzmangel. Rückgegebene Behälter müssen gelagert und später gespült werden. In kleinen Küchen oder engen Thekenbereichen ist jeder Quadratmeter wertvoll. Mehrweg bedeutet: volle Rückgabeboxen, zusätzliche Regale, mehr Bewegungsfläche.

Auch das Thema Hygiene wiegt schwer. Die gereinigten Behälter müssen HACCP-konform gespült und gelagert werden. Das erfordert Zeit, geschultes Personal und oft auch neue Abläufe. Betriebe mit ohnehin knapper Personaldecke merken hier schnell, wie aufwändig der Mehrwegkreislauf tatsächlich ist.

Dazu kommen Kostenfragen: Viele Systemgebühren sind moderat, aber im Vergleich zu günstigen Einwegverpackungen summiert sich das schnell. Nicht jeder Betrieb kann die Mehrkosten ohne Weiteres auffangen, zumal Preisaufschläge für Einweg rechtlich und kommunikativ nicht immer die beste Lösung sind.

Kurzum: Der gute Wille ist spürbar – die Realität aber ebenso.

4. Rechtliche Fallstricke & Kontrollen

Während Gäste zögern, werden die Kontrollen konsequenter. Theoretisch drohen Bußgelder von bis zu 250.000 Euro bei Verstößen gegen das Verpackungsgesetz. In der Praxis sind Summen in dieser Höhe selten, doch Mahnungen und Ordnungsgelder sind längst keine Ausnahmen mehr. Das zeigt: Die Behörden nehmen die Pflicht ernst.

Besonders relevant ist die sogenannte Kleine-Betriebe-Regel. Wer weniger als fünf Mitarbeitende hat und unter 80 Quadratmetern Verkaufsfläche liegt, muss kein eigenes Mehrwegsystem vorhalten. Allerdings gilt weiterhin die Füllpflicht: Mitgebrachte Behälter der Gäste müssen befüllt werden – hygienisch einwandfrei, versteht sich.

Gastronomen sollten zudem auf eine klare Hinweispflicht achten. Ob an der Tür, in der Speisekarte oder an der Kasse – Hinweise müssen gut sichtbar sein. Fehlen sie, drohen Abmahnungen. Die Deutsche Umwelthilfe führt regelmäßig Testbesuche durch und mahnt Betriebe ab, die gegen die Vorgaben verstoßen.

Wer sich unsicher ist, findet praxisnahe Leitfäden bei Systemanbietern wie Recup oder im Informationspaket der DEHOGA, auf das etwa das Gastgewerbe Magazin verweist. Auch zusammenfassende Artikel wie der Überblick von Resmio oder Berichte wie die Analyse des NDR schaffen zusätzliche Orientierung.

5. Best Practice: Wann es funktioniert

Trotz aller Hürden gibt es Betriebe, die Mehrweg erfolgreich etabliert haben – und zwar nicht nur Leuchttürme in Großstädten. Erfolgsfaktoren lassen sich klar benennen:

Stammkunden-Frequenz: Wer viele wiederkehrende Gäste hat – etwa in Bürolagen, Kantinen oder bei Mittagstischen – erlebt häufiger, dass Mehrweg genutzt wird. Routinen entstehen, und Pfandrückgaben funktionieren verlässlich.

Aktive Ansprache: Ein freundlicher Hinweis wirkt oft Wunder. Wird Mehrweg aktiv angeboten („Wollen Sie Ihren Salat in der Pfandschale mitnehmen?“), entscheiden sich viele Gäste spontaner dafür, statt aus Gewohnheit zur Wegwerfbox zu greifen.

Incentives: Kleine Rabatte für Mehrwegnutzer – oder moderate Aufpreise für Einweg, wo dies rechtlich möglich ist – verstärken das Bewusstsein. Wichtig ist aber, transparent zu bleiben und die Beweggründe offen zu kommunizieren.

Es braucht also nicht viel Magie, sondern vor allem konsequente Kommunikation und ein System, das zum Gästekreis passt.

6. Fazit & Ausblick

Die Mehrwegpflicht ist gekommen, um zu bleiben – und das ist grundsätzlich gut so. Doch die bisherige Bilanz zeigt: Im Alltag der Branche braucht es vereinfachte Prozesse, kompatible Rückgabesysteme und eine stärkere Sensibilisierung der Gäste. Viele Kinderkrankheiten bestehen auch im dritten Jahr noch, doch erste Verbesserungen sind spürbar.

In Zukunft könnten einheitliche Standards oder übergreifende Poolsysteme die Akzeptanz fördern. Gleichzeitig bleibt die Branche gefragt, Mehrweg nicht nur als notwendige Pflicht zu sehen, sondern als Chance – für ein nachhaltigeres Image, für Kosteneffizienz und für eine klare Positionierung gegenüber umweltbewussten Gästen.

Wenn Sie jetzt prüfen, wie gut Ihr eigenes System funktioniert und wo Nachjustierungen sinnvoll sind, sind Sie Ihrer Konkurrenz einen Schritt voraus.

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