Gastronomie im Metaverse: Teurer PR-Gag oder die Zukunft der Gästebindung?
TL;DR
- Gastronomie im Metaverse: Teurer PR-Gag oder die Zukunft der Gästebindung?
- Virtuelle Restaurants, NFT-Menükarten, Burritos im Computerspiel - klingt nach…
- Große Marken experimentieren bereits mit dem Metaverse und setzen dort an, wo Gen Z und Alpha…
- Doch was bedeutet das für klassische Gastronom:innen im deutschsprachigen Raum?
Teaser / Vorspann:
Virtuelle Restaurants, NFT-Menükarten, Burritos im Computerspiel – klingt nach Science-Fiction, ist aber längst Marketingrealität. Große Marken experimentieren bereits mit dem Metaverse und setzen dort an, wo Gen Z und Alpha ihre Zeit verbringen. Doch was bedeutet das für klassische Gastronom:innen im deutschsprachigen Raum? Spielerei, Chance – oder komplett irrelevant?
1. Essen im Cyberspace?
Stellen Sie sich vor, ein Gast setzt eine VR-Brille auf und spaziert durch Ihr Restaurant – noch bevor er eine Reservierung tätigt. Klingt futuristisch? Genau in diese Richtung entwickelt sich das Thema „Gastronomie im Metaverse“. Wichtig ist jedoch die Unterscheidung: Nein, im Metaverse wird niemand wirklich satt. Es geht nicht ums Essen selbst, sondern um das Erlebnis rund um das Essen.
Das Metaverse wird gern als „grenzenlose digitale 3D-Welt“ beschrieben – eine Mischung aus Gaming, Social Media und Web3. Während VR-Brillen eher ein immersives Erlebnis ermöglichen („Ich stehe mitten im virtuellen Lokal“), beschreibt Web3 die digitale Eigentümerebene dahinter: Blockchain, NFTs und digitale Güter.
Die Vision, wie sie unter anderem in Berichten wie “Die Reise ins Metaversum” auf KTCHNrebel skizziert wird, orientiert sich stark an Tech-Giganten wie Meta. Doch in der Realität existieren heute vor allem spielerische, marketinggetriebene Ansätze. Und die kommen von Unternehmen, die ganz genau wissen, wo die nächste Konsumentengeneration unterwegs ist: in digitalen Welten.
2. Die Spielwiese der Giganten
Während viele Restaurants noch mit digitalen Reservierungen oder Personalplanungs-Tools kämpfen, probieren internationale Ketten ziemlich phantasievolle Dinge aus. Beispiele dafür finden sich zuhauf auf Gaming-Plattformen wie Roblox.
Ein besonders prominentes Beispiel: Chipotle. In einer großen Kampagne konnten Nutzer:innen im „Burrito Builder“ virtuell Burritos rollen – und gewannen dabei Codes für echte Burritos. Die Botschaft dahinter? Nicht Umsatz im virtuellen Raum, sondern Markenbindung dort, wo junge Zielgruppen täglich aktiv sind.
Ähnlich experimentiert Panera Bread. Unter dem Titel „Paneraverse“ ließ das Unternehmen Markenrechte für virtuelle Restaurants und digitale Lieferdienste eintragen. Auch wenn noch kein operatives virtuellen Lokal existiert, zeigt sich eine klare Strategie: besser früh im digitalen Raum präsent sein, bevor andere es tun.
Burger King setzt seit mehreren Jahren auf Gamification und NFTs, um Kund:innen spielerisch mit der Marke zu interagieren. Tokens schalten exklusive Inhalte oder Rabatte frei – und bringen dem Unternehmen Aufmerksamkeit in techaffinen Communities.
Diese Beispiele haben eines gemeinsam: Niemand erwartet, dass Gäste plötzlich massenhaft virtuelle Menüs kaufen. Stattdessen geht es um Präsenz, um Community, um Storytelling. Oder wie Jamie Shackleton im Trend-Report „Into the Metaverse“ von Wunderman Thompson es ausdrückt: Marken rennen los, um sich digitale Claims zu sichern.
Für Gastronomen im deutschsprachigen Raum kann das inspirierend sein, aber es bedeutet nicht, dass Sie morgen ein Roblox-Restaurant eröffnen müssen. Vielmehr zeigt es, wie sich Marken dahin bewegen, wo die Aufmerksamkeit jüngerer Zielgruppen liegt.
3. Mehr als Spielerei: NFTs als neue Treuepunkte
NFTs – diese digitalen Besitznachweise auf Blockchain-Basis – werden oft mit Spekulation verbunden. Doch in der Gastronomie taucht ein interessanter Ansatz auf: NFTs als „Smart Contracts“, also als digitale Verträge, die automatisch Leistungen freischalten.
Stellen Sie sich vor, Ihre Stammgäste kaufen einen digitalen Mitgliedsausweis. Dieser könnte ihnen besondere Reservierungsrechte geben, kleine Extras, Einladungen zu Events oder dauerhaft reduzierte Preise. Ein bekanntes Branchenbeispiel ist der Flyfish Club in New York, der NFT-Mitgliedschaften verkauft – als reine Eintrittskarte zu einer exklusiven Dining-Community. (Keine Sorge, wir bleiben allgemein – im deutschsprachigen Raum gibt es solche Clubs bisher nur in Ansätzen.)
Der Vorteil: Mitglieder können ihre „digitale Karte“ jederzeit weiterverkaufen. Das ist für manche Zielgruppen deutlich attraktiver als herkömmliche Treuestempel.
Für Gastronomen ergibt sich daraus eine spannende Frage: Könnten NFTs das Treueheft 2.0 sein? Nicht als Spekulation, sondern als modernes Kundenbindungsprogramm? Berichte wie „Meals in the Metaverse“ auf Fine Dining Lovers legen genau diese Entwicklung nahe.
4. Der Realitätscheck für den Mittelstand
Bevor jedoch jemand hektisch auf den Web3-Zug springt: Die Realität der Digitalisierung in der Gastronomie sieht laut Basque Culinary Center deutlich bodenständiger aus. Nur 16 Prozent der Horeca-Betriebe verfügen über einen hohen Digitalisierungsgrad. Diese Zahl stammt aus einem Branchenreport, den unter anderem „Connections by Finsa“ zitiert.
Viele Restaurants kämpfen noch mit grundlegenden Themen wie online-fähigen Reservierungssystemen, digitalem Kassenmanagement oder einer funktionierenden WLAN-Abdeckung im gesamten Betrieb. Kein Wunder, dass ein typischer Gastwirt es so formulieren würde: „Bevor ich ein virtuelles Restaurant eröffne, muss erstmal mein WLAN auf der Terrasse stabil laufen.“
Auch Erich Eichstetter vom Basque Culinary Center warnt davor, Metaverse, KI und Blockchain wild durcheinanderzuwerfen. Erst müsse verstanden werden, was Technologie überhaupt leisten kann. Sonst laufe man blind Trends hinterher.
Joseph Schumaker (FCSI, FoodSpace) sieht es ähnlich: Die Branche befinde sich in einer Findungsphase – einige Technologien seien praktisch, andere seien Modeerscheinungen. Für viele Restaurants gilt daher: Erst einmal grundlegende Prozesse digitalisieren, bevor man über virtuelle Erlebnisse nachdenkt.
5. Vision: Das hybride Restaurant
Und trotzdem – ein Blick in die Zukunft lohnt sich. Denn einige Ideen sind durchaus realistisch und könnten in den nächsten Jahren Einzug in moderne Gastronomiebetriebe halten.
Zum Beispiel der „digitale Zwilling“: Ein virtuelles Abbild des Restaurants, das Gäste vorab besichtigen können. Für Eventlocations oder Hotels ist das bereits heute spannend. VR-Rundgänge erleichtern die Entscheidung für Hochzeiten oder Gruppenveranstaltungen.
Ein weiteres Szenario aus dem „Meals in the Metaverse“-Artikel: datengetriebene Menüs. Algorithmen könnten auf Basis vorheriger Besuche Vorschläge machen – personalisierte Gastronomie, ohne dass der Service jedes Detail im Kopf haben muss. Biometrische Scans? Zukunftsmusik. Empfehlungen auf Basis der eigenen Datenhistorie? Durchaus realistisch.
Auch digitale Kunst wird eine größere Rolle spielen. NFTs an der Wand, die über Augmented Reality sichtbar werden, bieten flexibles, veränderbares Ambiente – ohne dass physisch umdekoriert werden muss.
Und dann wäre da noch „Remote Dining“: gemeinsames Essen über Distanz, unterstützt durch VR/AR. Nicht alltäglich, aber möglich. In manchen Nischen – etwa internationale Teams – könnte es sogar echte Relevanz bekommen.
Fazit / Ausblick
Das Metaverse ist weder der Untergang der klassischen Gastronomie noch die ultimative Goldgrube. Für die meisten Betriebe im DACH-Raum bleibt es vorerst ein Marketingexperiment großer Marken und eine Inspirationsquelle für Gamification und digitale Kundenbindung.
Gleichzeitig lohnt es sich, Entwicklungen im Blick zu behalten: NFTs könnten zu modernen Treuekarten werden, VR-Rundgänge könnten Eventgäste überzeugen, und datengetriebene Menüs könnten das Kundenerlebnis verbessern.
Für die unmittelbare Zukunft gilt jedoch: Erst die Hausaufgaben der Digitalisierung erledigen, dann über virtuelle Welten nachdenken. Wenn Sie heute die Basics in Ihrem Betrieb stärken, sind Sie bestens vorbereitet für alles, was die nächsten Jahre bringen – virtuell oder analog.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Haben Sie zentrale digitale Prozesse (Reservierung, Kasse, Personalplanung) stabil im Einsatz?
- Wäre eine virtuelle Vorab-Tour für Ihr Konzept sinnvoll – z.B. für Events oder Hotelbereiche?
- Können digitale Treueprogramme (mit oder ohne NFT) Ihre Stammkundenbindung stärken?
- Gibt es Marketingkampagnen, die spielerische Elemente (Gamification) nutzen könnten?
Wer diese Fragen für sich klärt, ist der Konkurrenz einen Schritt voraus – ganz ohne VR-Brille.