Freitag, 10. Juli 2026 GastroNews – Magazin für Profis
Technologie

Al dente bekommt Messpunkte

Al dente bekommt Messpunkte

TL;DR

Dampf am Pastatopf, ein Bon nach dem anderen, die Kelle am Rand. Al dente klingt auf der Karte leicht. Im Service ist es ein enger Moment. Zu früh bleibt der Biss hart, zu spät wird die Portion müde.

Genau dort setzt eine neue Schicht Küchentechnik an. Die National Restaurant Association Show lief vom 16. bis 19. Mai 2026 in Chicago. Bei ihren Kitchen Innovations Awards wurden 20 Equipment-Lösungen ausgezeichnet, darunter das Al Dente AI-Powered Cooking System von Next Robot.

Für DACH-Küchen ist daran weniger der Showeffekt spannend. Die bessere Frage lautet: Welche Gerichte sind so gut beschreibbar, dass eine Maschine sie stabil führen kann?

Vier Töpfe, ein Ziel

Die Award-Beschreibung nennt Al Dente als System für Pasta, Risotto, Eintöpfe und Stir-Fry. Zwei kompakte Einheiten sollen vier unabhängige Töpfe gleichzeitig führen. Genannt werden ChefSight AI und PrecisionHeat AI, also Sensorik und Regelung für Hitze, Timing und Würzung.

Die offizielle Messeseite nennt 32 x 32 Zoll Stellfläche und etwa 30 Minuten Operator-Training. Der 2026 Operations, Equipment and Technology Report beschreibt das System ebenfalls als adaptive Lösung für vier parallel gekochte Gerichte.

Das klingt handlich. In der Küche beginnt die Arbeit trotzdem vorher: Was soll konstant bleiben? Garzeit, Temperatur, Flüssigkeitsmenge, Salz, Zielbiss, Cremigkeit, Ausgabezeit? Eine Maschine kann nur halten, was der Betrieb benannt hat.

Routine ist der beste Kandidat

Gute Kandidaten riechen nach Wiederholung. Gleiche Pastaform, gleiche Portion, definierter Saucenansatz, klares Ziel am Zahn. Eine Pasta-Bar im Mittagsgeschäft. Ein Hotel-Spätdienst mit kleiner Karte. Bankettbeilagen, Personalessen, Betriebsrestaurant, schnelle Lunch-Konzepte.

Risotto kann passen, wenn Reis, Flüssigkeit, Rührlogik, Zielcremigkeit und Finish sauber festgelegt sind. Dann nimmt Technik Arbeit aus dem Grundgang. Der letzte Löffel Parmesan, Säure, Butter oder Kräuter bleibt Hausstil.

Eintöpfe und Stir-Fry eignen sich eher bei wiederkehrenden Mengen als bei einer Tagesküche, die ständig Produkt, Zuschnitt und Würzung wechselt. Wenn ein Koch heute jedes Mal „noch einen Schluck Wasser“ nach Gefühl braucht, muss dieses Gefühl vor der Automatisierung in Gramm, Minuten, Temperatur und Textur übersetzt werden.

Schwieriger wird es bei stark schwankender Ware, vielen Sonderwünschen, gewünschten Röstaromen oder sehr freiem Abschmecken. Dort kann Technik entlasten. Sie macht aus beweglichem Handwerk aber keinen stabilen Ablauf, nur weil ein Display danebensteht.

Das Rezept wird zur Freigabe

Mit solchen Systemen wird ein Rezept technischer. „Francesco hat das Risotto im Griff“ reicht nicht mehr. Es braucht eine freigegebene Version: Ware, Grammatur, Reihenfolge, Topf, Zieltextur, Würzung, Ausgabezeit.

Gerade Würzung ist heikel. Salz, Säure, Fett und Schärfe sind kein Nebenfeld. Sie tragen den Charakter eines Hauses. Wer ein Programm still verändert, verändert Geschmack, Wareneinsatz und manchmal auch Allergene oder Kreuzkontakt.

Darum gehört die Rezeptfreigabe an eine verantwortliche Rolle: Küchenleitung, Produktionsleitung oder F&B-Verantwortung. Bedienkräfte können Programme starten, Behälter prüfen und Fehler melden. Das Grundrezept sollte nicht nebenbei angepasst werden, weil es gestern „ein bisschen besser“ lief.

Auch POS- oder KDS-Anbindung ist erst dann hilfreich, wenn Stammdaten sauber sind. Ein Bon kann den passenden Kochvorgang auslösen. Wenn Artikel, Portionen, Sonderwünsche oder Allergene falsch gepflegt sind, läuft der Fehler elegant durch die Schnittstelle bis in den Topf.

Am Pass bleibt ein Mensch. Teller, Temperatur, Anrichtezeit, Sonderwunsch und Reklamation brauchen Entscheidung. Der letzte Blick entscheidet, ob ein Gericht zum Gast darf.

Peak-Zeit ohne Zauberstab

Automatisierung spart nicht automatisch Personal. Sie verschiebt Arbeit in Vorbereitung, Befüllung, Programmwahl, Kontrolle, Reinigung und Wartung.

Reinigung ist dabei kein Randthema. Wenn Töpfe, Dispenser, Dichtungen oder Leitungen zwischen zwei Geschmacksprofilen oder Allergenen nicht schnell und hygienisch sauber werden, frisst der Vorteil im Peak an anderer Stelle Zeit. Eine automatische Reinigungsfunktion ersetzt keine betriebliche Hygienefreigabe.

Auch Platz zählt. 32 x 32 Zoll klingt kompakt. In einer DACH-Küche konkurriert diese Fläche trotzdem mit Pass, Spüle, Warmhaltestation, Kombidämpfer, Laufwegen und jener kleinen Ablage, die immer gebraucht wird und nie offiziell existiert.

Schulung muss über Startknopf und Demo hinausgehen. Teams müssen wissen, was bei leerem Behälter, falscher Ware, Abbruch, Softwaremeldung oder Rezeptwechsel passiert. Wer am Samstagabend im Pasta-Peak steht, braucht einen Ersatzprozess mit Pfanne oder Topf.

Der Druck ist real. Der DEHOGA verwies im Juni 2026 auf rund 1,1 Millionen geringfügig Beschäftigte im deutschen Gastgewerbe und darauf, dass Minijobs Abendstunden, Wochenenden, Veranstaltungen und saisonale Spitzen abdecken. Technik kann solche Spitzen glätten. Die flexible Organisation ersetzt sie nicht von selbst.

Testen mit den eigenen Tellern

Vor einer Demo sollten Betriebe keine Messeportion wählen. Besser sind drei echte Gerichte aus dem Alltag: das meistverkaufte, das störanfälligste und eines mit Allergenen oder Sonderwünschen.

Der erste Filter ist schlicht:

Al Dente steht damit für eine nüchterne Entwicklung: Der Garpunkt bekommt Messpunkte.

Wer seine Routinen kennt, kann Küchentechnik sinnvoll prüfen. Wer sie nicht kennt, automatisiert im Zweifel Unordnung. Der gute Biss beginnt also vor dem Sensor: bei Rezeptur, Mise en Place und einem Pass, der weiß, wann ein Teller wirklich fertig ist.

Weitere Bilder